Freitag, Dezember 14, 2018

KI: Künstliche Intelligenz und Künstliche Dummheit


"Es gibt drei zentrale Zukunftsfragen für die Bewahrung der liberalen Demokratien" sagt Yuval Noah Harari in der obigen Anzeige für die aktuelle Ausgabe von FUTURZWEI
  1. "Bremsen wir den Klimawandel?
  2. Verhindern wir einen Atomkrieg?
  3. Entwickeln wir eine gesellschaftliche und politische Vorstellung darüber, wie wir mit Künstlicher Intelligenz umgehen? Oder überlassen wir das dem Silicon Valley und den autoritären Chinesen?"
Und wer ist Yuval Noah Harari? Wikipedia schreibt: Yuval Noah Harari (* 24. Februar 1976 in Haifa) ist ein israelischer Historiker. Er lehrt seit 2005 an der Hebräischen Universität Jerusalem und ist mit Forschungen zur Militärgeschichte und universalhistorischen Thesen hervorgetreten. Seine populärwissenschaftliche Monographie zur kurzen Geschichte der Menschheit wurde zu einem internationalen Bestseller.

Es stellen sich mir zum Anzeigentext gleich mehrere denkbare Fragen, zum Beispiel:
  1. Ist die Bewahrung der liberalen Demokratien eine wichtige Menschheitsfrage, wie das hier als Allererstes vorausgesetzt wird? Und warum, wenn ja.
  2. Ist es vielleicht sogar die wichtigste Menschheitsfrage? Und wenn ja, warum?
  3. Oder gar keine so wichtige Frage? 
  4. Wie ist es mit der Bewahrung oder gar erst Schaffung von sozialen Demokratien
  5. Wie ist das mit dem Klimawandel? Ja, es gibt ihn, auch wenn ihn manche leugn(et)en. Und er ist u.a. für Inselstaaten und Küstenstaaten  eine einleuchtende und anschauliche wichtige Zukunftsfrage. 
  6. Ob er, der Klimawandel,  menschengemacht ist, das ist noch nicht so ganz ausgemacht. Oder? - Vielleicht ist es nur "der aktuell gültige Irrtum" der Wissenschaft? ---
    "Ein Irrtum ist eine falsche Annahme, Behauptung, Meinung oder einen falschen Glauben, wobei der Behauptende, Meinende oder Glaubende jeweils von der Wahrheit seiner Aussage überzeugt ist. Abgrenzung zur Lüge: Im Gegensatz zu einer Lüge, bei der die Wahrheit bewusst verfälscht worden ist, entsteht ein Irrtum unabsichtlich aus falschen Informationen oder Schlüssen. Im weiteren Sinne wird der Begriff des Irrtums auch auf nichtsprachliche Handlungen angewandt, insofern sie aus einer als wahr angenommenen falschen Behauptung, Meinung oder einem falschen Glauben resultieren." [Quelle]
    Trump (- Klimalüge- ) hat den Klimawandel als Erfindung der Chinesen bezeichnet, mit dem Ziel, den USA wirtschaftlich zu schaden. Im Juni 2018 kündigte er den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen an. [Quelle]   Okay: „Trump ist ein Idiot“ soll John Kelly,  Ex-Stabschef und Ex-zweitwichtigster Mann im Weißen Haus über seinen Chef Donald Trump gesagt haben: Es sei sinnlos, ihn von irgendetwas überzeugen zu wollen.“ ---
    Dass Trump sowie andere Kreise bestreiten, dass der Klimawandel menschengemacht sei, ist kein stichhaltiges Argument dafür, dass er, der Klimawandel, menschengemacht ist.
  7.  Atomkrieg: Okay. Sicher eine wichtige Zukunftsfrage. Wer von einem Atomkrieg betroffen ist, hat wohl wenig Zukunftschancen. 
  8. Und die künstliche Intelligenz? Die Alternative ist in der Anzeige wohl falsch gestellt: "Oder überlassen wir das - wie wir mit Künstlicher Intelligenz umgehen - dem Silicon Valley und den autoritären Chinesen?" --- 
  9. Wer ist hier "wir"?
  10. Ist es nicht egal, ob die USA, China, Wir [okay, wir sind die Guten, klar!] oder sonst-wer eine Vorstellung entwickelt. Wichtiger ist doch die Frage, wie die Vorstellung aussieht. Und wem sie nützen und/oder schaden würde.
  11. Und selbst wenn wir [Wer ist wir - und wenn ja wie viele?] eine Vorstellung entwickeln würden: Wen interessiert das? Wer würde sie umsetzen wollen? Umsetzen können. - Okay: Beim Durchsetzen wäre China sicher ganz groß...
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Apropos Klimawandel

Für die Bauern Nordeuropas war die mittelalterliche Warmzeit von ca. 1000-1300 n.Chr. ein wahrer Segen. Das Land östlich der Elbe, Ostelbien, war immer ein Niemandsland gewesen, bewohnt von heidnischen Slawenstämmen ("Wenden"), eine raue, kalte abgelegene Gegend voller Sümpfe. Die durch die Warmzeit längeren Vegetationsperioden ließen diese Gegend als potentielles Ackerland verlockend erscheinen und führte zu einer regelrechten Bevölkerungsexplosion. Zwischen Elbe und Weichsel entstand ein koloniales Deutschland. Nach Abklingen der Warmzeit und der nachfolgenden Kleinen Eiszeit erschien das Land östlich der Elbe wieder randständig. [Quelle. Jame Hawes, a.a.O. S. 66, 79, 100]
  • Ja, ob menschengemacht oder nicht: Das Klima bestimmt das Schicksal von Menschen und den Verlauf der Geschichte (mit).
  • Heute können die Menschen - anders als im Mittelalter - ganz offensichtlich ein Stück weit mit beeinflussen, in welche Richtung und mit welcher Geschwindigkeit das globale Klima wandelt.Zumindest probieren sie es. 
Auch beim Klimawandel wird gelten: Was dem Küstenstaat seine Eule ist, ist einem anderen Staat vielleicht seine  Nachtigall?
Quelle

Quelle
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Und die künstliche Dummheit?
Googeln Sie einfach mal nach "Künstliche Dummheit": Sie werden eine Menge Artikel finden...


Samstag, November 10, 2018

Als die Sozialdemokraten noch wussten, was sie wollen wollten




Was die SozialdemokratInnen (im weiteren Sinne) wollte, das waren einmal:
  1. politische Forderungen (Ende der Monarchie > Einrichtung einer Republik, ... "die Erkämpfung der Demokratie“)
  2. und dazu soziale Forderungen.
  3. Ergab zusammen: Soziale Demokratie. 
Zu diesen Forderungen gehörten - je nach Jahrhunder (19. oder 20. Jahrhundert) und je nach Land (z.B. Russland oder Deutschland): 
  • Ende der Monarchien (der Zar muss weg, der Kaiser muss weg, der König von Bayern muss weg...) (1918)
  • Frauen-Wahlrecht (1918)
  • Beendigung des Zölibats für Lehrerinnen (1918)
  • Bodenreform; Enteignung des Grundeigentums an Grund&Boden, um den Bauern eigenes Land zu geben, sie aus der Leibeigenschaft zu befreien ... . "Land und Freiheit"
     

  • Allmähliche Beseitigung des Unterschieds zwischen Stadt und Land
  • Auch die Produktionsmittel in die Hand der Gesellschaft legen statt in Privatbesitz...
  • Starke progessive Besteuerung von Einkünften und Vermögen zugunsten sozialer Maßnahmen durch den Staat (Sozialstaat...)
  • Einrichtung eines Ministeriums für soziale Fürsorge (1918)
  • Kostenlose Schulbildung
  • Abschaffung der Prügelstrafe in den Schulen (1918)
  • Säkularisierung der Lehrpläne(1918)
  • Abschaffung der Kinderarbeit, bzw. deren Einschränkung (z.B. nicht sonntags, nicht nachts, nicht mehr als 10 Stunden täglich ...)
  • Verkürzung der Arbeitszeit auch für Erwachsene. 8-Stunden-Tag. "Sonntags gehört Vati mir!" 40-Stunden-Woche, 35-Stunden-Woche ...


  • Gesetzliche Kündigungsfrist
  • Koalitions-Freiheit: Arbeiter dürfen sich zu Gewerkschaften zusammenschließen, Betriebsräte bilden (1918)
  • Jahres- Urlaub
     
     
  • Brot und Frieden! (1918 in Deutschland und Russland)
    • (1918, mitten im Krieg legten Waffenschmiede ihre Arbeit nieder, um für Brot und Frieden zu demonstrierten - allerdings gegen den Willen der Führer aus Gewerkschaften und SPD.
    • Und zu Beginn des Ersten Weltkrieges (1914 bis 1918) stimmte die SPD-Reichstagsfraktion für die Kriegskredite. Schritt für Schritt entwickelte sich jedoch eine Opposition, die in der 1917 gegründeten Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD), im Spartakusbund um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und bei den Gewerkschaften.
Nichts davon wurde "von oben gewährt", alles wurde erkämpft, 
  • durch Revolutionen (z.B. 1848, 1918 im Februar in Russland und im Herbst in Deutschland) 
  • und durch Streiks von Frauen und Männern. 
  • Manchmal gingen die Frauen voran (Februarrevolution 1918 in Russland, Streiks in den deutschen Munitionsfabriken 1918).
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  • Vieles wurde erreicht.
  • Manches wurde noch nicht erreicht.
  • Manches von dem Erreichten wurde in Deutschland ausgerechnet unter der Mit-Regierung von SozialdemokratInnen wieder rückkgängig gemacht: 
Deutschland zog mit der Sozialdemokratie wieder in die ersten Kriegseinsätze (Schröder/Fischer...), schaffte Vermögenssteuern ab, reduzierte die Einkommens-Steuer, deregulierte die Finanzmärkte und erlaubte wieder den Verkauf von Schrottpapieren (Derivate...),  führte prekäre Jobs ein, deren Lohn nicht zum Leben reicht ("Arbeitsmarkt-Reform"), trieb die Altersvorsorge der Menschen in die Hände von privaten Versicherungs-Konzernen (Riester-Rente...). Das Wort "Reform" wurde zum Horror.


Es gibt also gar keinen Grund sich über den Niedergang der sozialdemokratischen Parteien zu wundern. Warum soll jemad sie wählen, wenn sie nicht mehr sozial-demokratisch sind?
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Dabei haben sich inzwischen auch neue mögliche soziale und demokratische Forderungen ergeben, an die im 19. und 20 Jahrhundert z.T. noch niemand denken konnte:

Denn: Die kapitalistische Marktwirtschaft zerstört sich gerade selbst. Das sagen nicht nur Sahra Wagenknecht oder Jean Ziegler, das sagen auch der Starökonom Nouriel Roubini oder der milliardenschwere Investor Warren Buffett und neuerdings sogar OECD und IWF.


Deshalb zum Beispiel:
  • Finanzmärkte könnten wieder und mehr reguliert werden.
  • Steuern könnten auf jede finanzielle Transaktion an den Börsen (Transaktionssteuer, Tobin-Steuer) erhoben werden.
  • Die Löhne müssten wieder steigen.
  • Die EU müsste reformiert, (demokratisiert und sozialisiert) werden. Eine Sozial-Union und nicht nur ein Europa der Konzerne und des Geldes. 
  • Green Deal (wobei sich um Green schon Die Grünen kümmern, doch beim Deal klemmt es noch gehörig (Was tun mit den Braunkohle-Arbeitsplätzen?)


Quelle

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Montag, August 27, 2018

Chemnitz und anderswo: "Wir jagen sie"

"Polizeiruf 110" in der ARD vom 18.8.2018 - exakt eine Woche vor der Jagd auf Nicht-Weiße in Chemnitz:
Vier Jugendliche (er-)schlagen in München einen farbigen Mann muslimischer Herkunft, der ein deutsches weißes Mädchen mit einem Messer bedrängt und bedroht haben soll. - Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels versucht die Vorgänge zu klären und gerät dabei in einen Sumpf von Halbwahrheiten. ...
In Chemnitz fing alles damit an, dass BILD berichtete, ein Ausländer habe eine deutsche weiße Frau mit einem Messer bedrängt und erstochen: Die halbe Wahrheit. Das Opfer war ein männlicher Deutsch-Kubaner. 
King Kong und die weiße Frau
Deutscher Originalverleihtitel vom Jahresende 1933:
Die Fabel von King Kong.
Der Film startete am 1. Dezember 1933
in den deutschen Kinos.

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Im Polizeiruf-Film galt immerhin noch die Gewaltenteilung, man ging zur Polizeiwache, um die genauen Tat-Vorgänge zu klären (auch das endete allerdings böse); in Chemnitz griffen 800 oder 1000 Menschen nach einem Aufruf ultra-rechter Netzwerke gleich zur Selbstjustiz . AfD Bundestagsabgeorneter Markus Frohnmaier fand das hinterher gut so und twitterte: “Heute ist es Bürgerpflicht, die todbringendendie ‘Messermigration‘ zu stoppen!” Und: “Wenn der Staat die Bürger nicht mehr schützen kann, gehen die Menschen auf die Straße und schützen sich selber. Ganz einfach!” [Quelle]

Die Polizei war überfordert. Die Polizei in Chemnitz war auch am Abend darauf wieder überfordert.

Mich erinnert das an die Bürgerrechts-Bewegung (Martin Luther King, Malcolm X ...)in den USA der 1950er und 1960er Jahre, als die Polizei in den Südstaaten der USA sich ebenfalls "überfordert"(?) zeigte, die neuen Bürgerrechts-Gesetze  umzusetzen. Der US-Präsident sah sich genötigt, Bundestruppen, die Nationalgarde, in die Südstaaten zu entsenden, um dort Recht und Gesetz auf der Straße durchzusetzen. Die Polizei in den Südstaaten war überfordert, weil sie selber mit Rassisten durchsetzt war. Wenn bei den letzten Bundestagswahlen (2017) die AfD mit 27% der Stimmen stärkste Partei in Sachsen wurde, kann man wohl davon ausgehen, dass auch innerhalb der sächsischen Polizei das AfD-Gedankengut entsprechenden Zuspruch findet.
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September 2017
Quelle
"Da wir ja nun offensichtlich drittstärkste Partei sind, kann sich diese Bundesregierung (…) warm anziehen. Wir werden sie jagen, wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen – und wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen."  
Alexander Gauland nach dem Einzug der AfD mit rund 13,4 Prozent in den Bundestag Ende September 2017. ___________________________________________________

Sonntag, 26.8.2018, Menschenjagd in Chemnitz

Nach dem gewaltsamen Tod eines 35-Jährigen in Chemnitz sind hunderte Rechtsradikale durch die sächsische Stadt gezogen; die Polizei sprach von 800 Menschen, die sich am Sonntag gegen 16.30 Uhr versammelten. Auf Facebook hatte eine Ultra-Gruppe des Chemnitzer FC das Motto ausgerufen:  
„Zeigen, wer in der Stadt das Sagen hat.“
Dem kam die Menge nach und veranstaltete regelrechte Jagdszenen auf Migranten, wie Nutzer auf Twitter schrieben. In einem Video ist zusehen, wie dunkelhaarige Menschen von pöbelnden Rechten gejagt werden. „Haut ab! Was ist denn, ihr Kanaken?“ [Quelle]

  • Elendes Viehzeug!
  • Das ist unsere Stadt!
  • Raus aus unsrer Stadt!
  • Wir sind das Volk!
  • Für jeden deutschen Toten einen deutschen Ausländer!
  • Merkel raus!
  • Wie die rennen, die Zecken, das gibt`s ja nicht!
  • Deine Kinder, die sollen sie mal abstechen! 
  • Das System ist am Ende - Wir sind die Wende! [Quelle AfD-Livestream]
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„Jetzt sehen Sie, wie Jagd geht, wir sind beim Jagen“
Gemeint war damals die Jagd auf CDU und CSU,
um diese weiter nach "rechts" zu treiben. -

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Ortswechsel. Rottenburg am Neckar, 2014,
der CDU-Oberbürgermeister spricht:


Bei einer Feier des Rottenburger Bezirksseniorenrats sagte der OB, kurz vor der Europawahl 2014, vor etwa 60 Gästen, die rechtspopulistische AfD sei brandgefährlich, und dann folgende Sätze:
"Man sollte nicht solchen AfD-Nazis auf den Leim gehen. Die sind schlimmer als
die NPD, denn die sagt wenigstens, was sie vorhat."
Zwei Personen zeigten Neher an,
und die Staatsanwaltschaft Tübingen nahm Ermittlungen auf, u.a. wegen übler Nachrede und Verleumdung. Letztendlich wurde das Verfahren gegen die Zahlung einer Geldbuße in Höhe von 3000 Euro eingestellt: Je 1000 Euro an den Förderverein für krebskranke Kinder, die Deutsche Rettungsflugwacht und den Verein Jugend und Bewährungshilfe.
Inaltlich sieht sich Neher weiter im Recht. Den Begriff "AfD-Nazis" hätte er jedoch besser vermieden, sagte er später, und sie Nationalisten nennen sollen.
Im März 2018 richtete die Stadt Rottenburg die "Internationalen Wochen gegen Rassismus" aus. In einem Grußwort sagte der OB, dass das Erstarken extremer politischer Parteien ein friedliches Zusammenleben in Respekt und Toleranz gefährde. Mit der AfD sitze im Bundestag nun,
"eine Partei bei der Ausländerfeindlichkeit und Rassismus im Programm stehen". 

Mitte August 2018 bekommt der OB Post von der Kripo: Erneut eine Anzeige.
Neher wehrt sich:
"Dass die AfD populistisch gegen Flüchtlinge und Ausländer*innen Stimmung macht, ist offensichtlich, wenn die Landtagsfraktion in Baden-Württemberg unsere Landtagspräsidentin Aras aufgrund ihrer türkischen Wurzeln nicht als Präsidentin akzeptiert, wenn Herr Gauland die frühere Integrationsbeauftragte Aydan Özogus (SPD) am liebsten in Anatolien entsorgen will oder wenn Alice Weidel im Bundestag davon spricht, dass 'Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Mesermänner und sonstige Taugenichtse' nicht den Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat in Deutschland sichern." 
Diesmal wird er kein Bußgeld zahlen, betont der OB auf Anfrage. "Ich gehe davon aus, dass das Verfahren ohne Auflagen eingestellt wird", sagt er. [Quelle]

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Wien, 1930er Jahre. Wehrte den Anfängen.

Unbequem war Karl Kraus vor und dann auch nach dem Ersten Weltkrieg,
alarmiert durch die Vorboten des aufziehenden Nationalsozialismus.
Karl Kraus war einer der gefürchtetsten Kritiker der Zwischenkriegszeit in Österreich und pflegte wichtige Gegner in seiner Zeitschrift Die Fackel publizistisch zu „erledigen“. Den Polizeipräsidenten Johann Schober, der den stark überschießenden Polizeieinsatz vom 15. Juli 1927 verantwortete, forderte er auf Plakaten zum Rücktritt auf. Plakattext: "Ich fordere Sie auf, abzutreten".
Immer eindringlicher warnte er vor der drohenden "Entmenschlichung" nach einer möglichen Machtergreifung Hitlers, wie etwa in der Vorlesung "Hüben und Drüben" , wo er auch die sich mit dem Nationalsozialisten arrangierte Sozialdemokratie attackierte. [Quelle]


 

Bundeskanzler Österreichs war ab 1932 Engelbert Dollfuß.

Engelbert Dollfuß
(*1892 in Texing, Niederösterreich; ermordet im Bundeskanzleramt am 25. Juli 1934 in Wien) war von 1932 bis 1934 Bundeskanzler, Österreichs - ab 5. März 1933 diktatorisch regierend.

1932 auf demokratischem Weg ins Kanzleramt gelangt, nutzte der christ-soziale Dollfuß eine Geschäftsordnungskrise bei der Nationalratssitzung vom 4. März 1933 zu einem Staatsstreich. Nach der Ausschaltung von Parlament und Verfassungsgerichtshof regierte Dollfuß diktatorisch per Notverordnung. Dem italienischen Faschismus und der katholischen Kirche nahestehend, lehnte er den Nationalsozialismus deutscher Prägung, die durch die Verfassung garantierte pluralistische Demokratie, den demokratischen Rechtsstaat und die Sozialdemokratie ab. Dollfuß war Begründer des austrofaschistischen Ständestaats.
Dollfuß hatte einen Staatssekretär für Sicheitsfragen,  Emil Fey, dem sein Kanzler nicht "rechts" genug war; Fey liebäugelte mit Hitler und dem deutschen Nationalsozialismus. -  Kurze Zeit war Fey auch Österreichs Vizekanzler, doch Dollfuß traute im zu Recht nicht so richtig über den Weg und entmachtetete ihn nach und nach immer mehr. Am 25. Juli 1934 gab es dann einen nationalsozialistischen Putsch gegen die österreichische Regierung; Fey war bei Dollfuß im Bundeskanzleramt und stand immer wieder im Verdacht, mit den Putschisten zu sympathisieren. Kanzler Dollfuß wurde von Otto Planetta und einem anderen Putschisten, vor denen er zu flüchten versuchte, je einmal angeschossen und verblutete, weil ihm die Putschisten ärztliche Hilfe verweigerten. Der sog. Juliputsch scheiterte, weil sich das Heer nicht auf die Seite der Putschisten schlug.
Auf diesen Putsch bezieht sich die Szene aus dem Roman(!) "Die Überwindlichen" (2018):



Karl K. [Karl Kraus] träumte, er saß in einem Raum in der Nähe von Engelbert [Dollfuß]. Der Raum befand sich in einem Palast, der Palast in der Nachbarschaft der Wiener Hofburg. [...] Aus dem Raum gingen etliche Männer hinaus. Karl K. wußte im Traum sogar, sie waren Mitglieder eines Ministerrats, Engelberts Vertraute, und jetzt verschwanden sie.
Karl K. wollte im Traum Engelbert warnen. Er müsse vorsichtig sein, er schwebe in Gefahr. Aber er wußte nicht genau, um was für eine Gefahr es ginge, und er konnte in diesem Traum kein einziges Wort aussprechen.
Die Tür öffnet sich, ein Mann tritt ein. Er heißt Friedrich von lsenberg [Emil Fey?] . Er ist in diesem Traum der Innenminister des österreichischen Ständestaates. Er ist um einen Kopf größer gewachsen als Engelbert. Er sagt, Engelbert müsse vorsichtig sein, er schwebe in Gefahr. Man plant einen verbrecherischen Anschlag gegen ihn. Die Mörder wimmeln in der ganzen Stadt, sie lauern schon um den Palast. Engelbert soll die Flucht ergreifen, aber schnell, ein bißchen schneller. Es gibt einen geheimen unterirdischen Gang, der zur Hofburg führt. Dort wäre er vorübergehend in Sicherheit.

Engelbert antwortet, er habe sich einer Gefahr bisher noch nie durch Flucht entzogen, auch nicht im Krieg, wo er tüchtig und mutig kämpfte. Er habe eine Sendung, die in der Rettung dieses Landes vor dem Untergang bestehe, und solange er lebt und diese Aufgabe besteht, wird er den Palast, wo sie sich jetzt befinden, nicht verlassen. Solange er lebt und seine Tätigkeit in diesem Palast ausübt, kann unsere Heimat nicht untergehen, sie kann ihre Selbständigkeit nicht verlieren.
Da er zierlich von Statur ist, nennen ihn seine politischen Feinde verächtlich „Millimetternich". Er heißt bei ihnen auch „Der Noch-nie-dagewesene". 
Der Innenminister, der auch das Amt „Generalstaatskommissär für außerordentliche Sicherheitsmaßnahmen zur Bekämpfung staatsfeindlicher Bestrebungen" bekleidet, entgegnet seinem Oberhaupt: In diesem Fall fühle er sich gezwungen, den Polizeipräsidenten anzurufen und um eine bewaffnete Schutzwache zu bitten, sonst könnte er die Sicherheit des Bundeskanzlers nicht garantieren, denn die Gewehre der Ehrenwache vor dem Palast sind mit Platzpatronen geladen.
Er tritt zum Telephonapparat und führt ein kurzes Gespräch, dessen Worte Karl K. im Traum zwar hören, jedoch nicht verstehen kann. Dann kommt er zurück und sagt seinem Oberhaupt mit klaren, verständlichen Worten, daß ein Lastkraftwagen mit vierzig bewaffneten Polizisten, die Engelbert vor seinen Feinden beschützen sollen, in acht bis zehn Minuten ankommt.
Und Karl K. hört schon im Traum den Motorlärm des Wagens, der ankommt, um Engelbert zu beschützen. Und er sieht im Traum durch das Fenster, wie die Mannschaft der Ehrenwache mit Platzpatronen aus dem offenen Tor hinausmarschiert, um Engelbert zu beschützen, wie der Lastwagen mit den Bewaffneten in Polizeiuniform hereinfährt, um Engelbert zu beschützen, wie sie hinabspringen und das Tor hinter sich schließen, wie sie mit stampfenden Stiefeln die Treppe hinauflaufen, um Engelbert zu beschützen. Sie umringen Engelbert, um ihn zu beschützen.
Ein Schuß fällt im Traum, und Engelbert sinkt zu Boden im Traum. Er lebt noch im Traum. Er wälzt sich in einer Blutlache und röchelt im Traum.
„Wir möchten dich nur gefangennehmen, sonst tun wir dir nichts!" - sagen die Beschützer und ziehen ihrem Schützling den Trauring vom Finger, dann schnallen sie ihm auch die Armbanduhr ab. Engelbert bittet um einen Arzt, sonst werde er verbluten.
„Wir möchten dich als Geisel festhalten, sonst tun wir dir nichts!" - sagen die Beschützer und treten ihn mit schweren Stiefeln.
Engelbert bittet um einen Priester, damit er beichten und die letzte Ölung empfangen kann.
„Wir möchten dich vorläufig dingfest machen, sonst tun wir dir nichts!" - sagen die Beschützer und bespucken ihn. - „Das soll deine letzte Ölung sein!"
Der Innenminister, zugleich und eigentlich „Generalstaatskommissär für außerordentliche Sicherheitsmaßnahmen zur Bekämpfung staatsfeindlicher Bestrebungen" entsichert seinen Revolver im Traum und schießt von nächster Nähe Engelbert in den Kopf im Traum, und Engelbert liegt nun tot auf dem Boden, von eigenem Blut und fremdem Speichel beschmiert, im Traum. Als Karl K. mitten in der Nacht aus diesem Traum aufschrak, war er klatschnaß vor Schweiß.
 
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Freitag, August 10, 2018

Deutschland, Europa und das Neue Reich. "Wenn schon die ganze Welt ihre Diktatoren hat..."

Wenn man das Buch von Thomas Karlauf liest, dann sieht man manchmal beklemmende - zumindest bemerkenswerte - Ähnlichkeiten ...

DIE ZEIT (Fritz J. Raddatz) schreibt Ende August 2007:

Aber durchaus spannt Thomas Karlauf auch den bösen Zauberkreis auf, schlägt den Zirkel zu jener Fatalität, die ebenso mit dem Namen George verbunden ist und die der Biograf keineswegs unterschlägt: "Die polemische Distanzierung von allem Politischen gehörte ins Repertoire des rechten Irrationalismus und trug dazu bei, den Boden für die braune Saat zu bereiten." Denn auch das schmählich Weihevolle wusste ein Dichter zu rhythmisieren, dem Goebbels zum 65. Geburtstag ein Glückwunschtelegramm schickte und über den Brecht sagte: "Die Säule, die sich dieser Heilige ausgesucht hat, ist mit zuviel Schlauheit ausgesucht, sie steht an einer zu volkreichen Stelle"; auch übel riechenden Dunst konnte George uns zufächern:
Der sprengt die ketten fegt auf trümmerstätten
Die ordnung, geisselt die verlaufnen heim
Ins ewige recht wo grosses wiederum gross ist
Herr wiederum herr, zucht wiederum zucht, er heftet
Das wahre sinnbild auf das völkische banner
Er führt durch sturm und grausige signale
Des frührots einer treuen schar zum werk
Des wachen tags und pflanzt das Neue Reich.
Dieses schlingernde Leben weiß Thomas Karlauf nachzuzeichnen. (DIE ZEIT)
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Ich [Blogger] weiß nicht, ob Raddatz (s.o.) das so richtig sieht. George und seine Jünger sahen sich als "Staat", sprachen vom "Geheimen Reich", aber das war kein weltliches Reich, kein Reich der profanen Welt, sondern ein Reich außerhalb der profanen politischen Welt, ein Reich der Ästhetik, der Kunst, ein Reich der Dichter, ein geistiges Reich. Kunst und Leben waren für George ein Gegensatz. Wo Kunst ist (Dichtung, Lyrik) kann kein Leben (Politik) sein. Wenn beide sich berühren würden, stürbe die Kunst als würden sich Materie und Ant-Materie berühren. Der große Vogel auf dem Eiland, so George in einem Gedicht, verschied in gedämpften Scherzenslauten, als die Menschen sich zum ersten Mal seiner Insel näherten. --- George starb Dezember 1933, als die braune Saat aufgegangen war. Die er gesät hatte? Oder die andere in ihm sehen wollten?

George war kein Nationalist. Das Neue (Dichter-)Reich war ein internationales Reich. - Nach dem Abitur (1888) und einem mehrmonatigen Aufenthalt in England berief er als 20-Jähriger einen "Dichter-Kongress" ein, der aus deutschen und französischen jungen Dichtern bestehen und eine "internationale" Mappe mit Dichtung erstellen sollte, "so dass unsere mappe sozusagen die erste »Internationale« einrichtung dieser Art würde." [nach Egyptien S. 31ff]

Aus England schrieb der 20/21-jährige George an seinen Schulfreund:
„Wenn Du meinst dass ich hier meinen Kosmopolitismus ablege bist Du irr Du triffst den Nagel auf die Spitze.
Grade dadurch dass ich in dem (persönlicher Freiheit unendlich mehr gestattendem) lande bin, werde ich ein vollständiger Kosmopolit und dass ich nicht daran bin, nach der andren Seite umzukippen, und Engländer zu werden, daran hindert mich die ueberzeugung, dass auch bei uns viele einrichtungen besser sind, dass es in anderen landen noch bessere gibt, die ich alle mit eignen augen zu besehen und zu beurteilen gedenke." [Egyptien a.a.O.]
 Auf seiner Reise durch Europa nach dem Abitur lernte er in Paris den Dichter Stéphane Mallarmé, 26 Jahre älter als George,  und seinen Kreis kennen und durfte auf Empfehlung dessen berühmte Dienstagabende, die "Jours" besuchen, wo sich die Crème de la Crème der französischen (symbolistischen) Schriftsteller traf. Wie später George ließ sich Mallarmé als "Meister" (Maître) anreden, sprach von einem Reich der Kunst (cité) als Gegenentwurf zur profranen Welt und zelebrierte seine Auftritte an diesen Jours als ästhetisches Kunstwerk in einer ritualisierten Weise. [Egyptien S.37]
Nach Paris reiste George nach Spanien und sprach später davon wie formierend Spanien auf seinen Lebensweg formatierend gewirkt habe. ...
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Stefan Georges Lyrik war nie für die Massen gedacht und war/ist schwere Kost.

Quelle: Google-Suche, Screenshot
Seine [Georges] letzte Gedichtsammlung mit dem Titel "Das Neue Reich" erschien im Jahr 1928; (er starb Anfang Dezember 1933, hat also das Ende der Weimarer Republik und den Beginn des "Dritten Reiches" gerade noch mitbekommen.
  1. Das 1. Reich: Das Heilige Römische Reich. Heiliges Römisches Reich war die offizielle Bezeichnung für den Herrschaftsbereich der römisch-deutschen Kaiser vom Spätmittelalter bis 1806.[wikipedia]
  2. Das 2. Reich: Das Bismarcksche Kaiserreich.  Deutsches Kaiserreich ist die retrospektive Bezeichnung für die Phase des Deutschen Reichs von 1871 bis 1918.  Im Deutschen Kaiserreich war der deutsche Nationalstaat eine bundesstaatlich organisierte konstitutionelle Monarchie.[wikipedia]
  3. Das Neue Reich: ?

George, Verehrer der Jugend, hoffte in den 1920er Jahren, dass die Jugend ("ein jung geschlecht")  eines Tages "Den einzigen der hilft den Mann" hervorbringen werde, (den EINZIGEN Mann, der helfen kann). 
Er führt durch sturm und grausige signale
Des frührots einer treuen schar zum werk
Des wachen tags und pflanzt das Neue Reich.  
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Thomas Karlauf schreibt in Anlehnung an Kurt Sontheimer:
"Weil sich die Rechte mit der Neuordnung des Staates nach 1918, also mit der Weimarer Republik, nicht anfreunden konnte und der Begriff der Deutschen Nation in der Niederlage von 1918 jede Aura verloren hatte, wurde Ende der 1920er Jahre "die Reichsidee zum wesentlichen Inhalt einer neuen politischen Metaphysik, zum Inbegriff tief empfundener und aus der Tiefe kommender Sehnsüchte". -
Auch für die jungen Gebrüder Stauffenberg.
Das Neue Reich als Alternative für Deutschland.


Zwei Jahre vor der Veröffentlichung des o.g. Gedichtbandes war "Der Meister" Stefan George mit zwei seiner "Jünger" nach Italien gereist - mit Johann Anton (auf dem Foto 1. von links) und dessen langjährigem Freund Max Kommerell (1. von rechts) - "um sich selber ein Bild vom faschistischen Neuanfang zu machen. Sein [Georges] Urteil über Mussolini fiel zwar ambivalent aus, aber gegen eine ähnliche Entwicklung in Deutschland schien er keine Einwände zu haben. Nur sei zu befürchten, dass die Deutschen den Anschluss verpassten." (Karlauf S. 581)

"Wenn schon die ganze Welt ihre Diktatoren hat,
wird sich Deutschland noch aus Idealismus für die Demokratie schlagen."
(befürchtete Berthold Vallentin, Jurist, Dichter, Historiker, 11 Jahre jünger als George, gehörte zum George-Kreis, starb wie auch George im Jahr 1933)
1924. Anton und Kommerell
mit den drei Brüdern von Stauffenberg,
Claus, Berthold und Alexander,
(2., 3. und 5. von links)

Im Jahr 1924 war Claus von Stauffenberg, der Hitler-Attentäter vom 20.Juli 1944, 17 Jahre alt, seine Zwillingsbrüder 2 Jahre älter, Stefan George Ende 50.

Stefan George (auf dem Stuhl und an der Wand)
mit seinen Bewunderern
Claus und Berthold von Stauffenberg, 1924
"Die Verachtung der des politischen Systems von Weimar ließ sich kaum steigern. Von der kompromisslosen Ablehnung der parlamentarischen Demokratie bis zu ihrer Zerstörung war es nur ein kleiner Schritt." (Karlauf S. 581)-
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Einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen »Neuem Reich« und »Drittem Reich« erkannte als Erster der Landesschulinspektor für Wien, Oskar Benda.

Quelle
Man dürfe sich von den Georgeschen Parolen nicht blenden lassen, warnte er 1931. »Welcher Deutsche, welcher Kulturmensch fühlte nicht den Drang in sich zur Nachfolge hinter diesen Fahnen als solchen! Aber wo sie zurzeit im Winde wehen, locken sie auf falsche Bahnen:
nicht zu neuem Aufstieg der Menschheitssonne >Humanitas<, sondern zu ihrem unwiderruflichen Untergang.« Leider machten sich »gerade demokratische Kreise keine annähernd richtige Vorstellung von Umfang und Tiefgang der verhängnisvollen Wirkung Georges und seiner Gefolgschaft, ja man verbeugt sich gerade hier gern mit betonter Achtung vor ihrem >Geist- und >Kulturwillen«<.

Am Ende stehe aber nicht der Geist des Neuen, sondern der Ungeist des Dritten Reichs, ja, bei genauerem Zusehen erweise sich der George-Kreis als

bewusster Schrittmacher des »Dritten Reiches«. George verhält sich zu Hitler, von den Größenverhältnissen abgesehen, in jeder Hinsicht wie D'Annunzio zu Mussolini ... Der Kreis um George hat aber zum ersten Mal in Europa den Gedanken der modernen Diktatur »vergottet« und »verleibt«. Die ganze Ideologie des italienischen Faschismus klingt wie ein Echo der Stimmen aus dem heiligen Hain Georges; alle ihre Leitgedanken: die heldische »Elite«, die »Hierarchie« und der »korporative Rechtsstaat«, sind hier vorgestaltet, und vorgestaltet ist hier zuvörderst auch die heldische Vision des Diktators. - [Oscar Benda, 1931;  Karlauf S. 581f ]
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 Siehe auch:
Quelle
Quelle





Dienstag, Juli 31, 2018

Rabenvögel können sich teilweise sogar in ihre Artgenossen hineinversetzen. Menschen auch. Gehirn, Empathie und Intelligenz

Kognitive Intelligenz und Empathie.

Neulich hörte ich (im Radio) einen Vortrag von Onur Güntürkün. Er ist Leiter der Abteilung Biopsychologie an der Uni Bochum.
Es ging eigentlich um das Rätsel, warum nicht-menschliche Lebewesen mit einem sehr kleinen Hirnvorlumen (wie Raben, Krähen und Papageien) in manchen Punkten intelligenter sind als solche mit großem Hirnvolumen wie Schimpansen und Delphine. Interessant der "Kanzler-Test": Das ist ein Versuchsaufbau, bei dem jemand (ein Schimpanse, ein Vogel, ein Mensch...) eine Batterie von logischen Aufgaben lösen muss, um an sein "Leckerli" zu kommen. Krähenvögel haben das geschafft, der Kanzler der Universität Oxford nicht. Daher der Name "Kanzler-Test".
"Krähen und Papageien gehören sicherlich zu den intelligentesten Lebewesen auf diesem Planeten. ... Wir finden auf wissenschaftlicher Ebene keinen Leistungsunterschied zwischen einem Kolkraben mit einem Gehirn von ungefähr 15 bis 16 Gramm Gewicht und einem Schimpansen mit einem Gehirngewicht von 400 Gramm. D. h. 16 Gramm schaffen die gleiche Leistung wie 400 Gramm, zumindest auf der Ebene der Tests, über die wir gerade gesprochen haben." [Quelle] 
Emotionale Intelligenz und Empathie

Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen. Zur Empathie wird gemeinhin auch die Fähigkeit zu angemessenen Reaktionen auf Gefühle anderer Menschen gezählt, zum Beispiel Mitleid, Trauer, Schmerz und Hilfsbereitschaft aus Mitgefühl. [Wikipedia]

Das wirklich Interessante an dem o.g. Beitrag von Onur Güntürkün ist die Sache mit der Emotionalen Intelligenz.
Krähen, die a) ein sehr kleines Hirn besitzen und b) keine Großhirnrinde wie Menschen und Menschenfaffen zeigen mehr Empathie als Schimpansen. Wenn zwei Krähen "befreundet" sind, also gerne zusammensitzen, gerne gemeinsam umher fliegen, und eine von beiden wird angegriffen, dann hilft die eine Krähe ihrer "Freundin" und verteidigt sie. Schimpansen tun das eher nicht.
Warum nicht? 
Güntürkün:
  • Es könnte sein, dass die Tiere die emotionale Intelligenz nicht besitzen oder sie nur sehr schwach entwickelt haben. 
  • Es könnte aber auch sein, dass einem Schimpansen ein anderer Schimpanse absolut egal ist.
  • Es sind keine freundlichen Tiere, die sich gegenseitig unterstützen. [Quelle]



Und Menschen?

Es könnte sein, dass Menschen die emotionale Intelligenz nicht besitzen oder sie nur sehr schwach entwickelt haben. Es könnte aber auch sein, dass einem Mensch ein anderer Mensch absolut egal ist. Menschen sind keine freundlichen Tiere, die sich gegenseitig unterstützen ??? 



"Aber sie sitzt ja zum Glück nicht da! Also: So what?"
Bildquelle taz 30. Juli 2018
Siehe auch: 
  1. Seebrücke 1 
  2. Seebrücke 2
  3. Seebrücke 3
  • Mehr als acht Millionen ehrenamtliche Flüchtlingshelfer gab es 2015 in Deutschland, viele von ihnen sind nach wie vor aktiv, andere hinzugekommen.
  • 87 Prozent der Wähler haben bei der letzten Bundestagswahl nicht der AfD ihre Stimme gegeben.
  • Drei von vier Deutschen finden es richtig, dass NGOs im Mittelmeer Flüchtlinge retten.
Man fragt sich schon, wann eine der deutschen Parteien auf die Idee kommen wird, dass diese Menschen eine wichtige Wählergruppe sein könnten, um die es sich zu werben lohnt. ... Hannover, Kassel, Paderborn, Lörrach, Dinslaken, Trier: Eine kleine Auswahl von Orten, an denen am Wochenende gegen das Sterben im Mittelmeer, für die Entkriminalisierung der Seenotrettung und für eine andere Flüchtlingspolitik demonstriert wurde. Die Liste ließe sich noch lange weiterführen. Seebrücke nennt sich die Bewegung, die vor einem Monat mit einer Demonstration in Berlin startete, aber längst an allen möglichen Orten in Deutschland stattfindet.[Marlene Gürgen]

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Donnerstag, Juli 26, 2018

"Christlich" ist nicht immer christlich. - Ist dort, wo christlich drauf steht, auch christlich drin

Oblate/Hostie mit Traubensaft
für das hygienische und alkoholfreie  Abendmahl/ die hygienische Kommunion.
Quelle

Dort, wo christlich drauf steht, ist nicht unbedingt christlich drin. Warum nicht? Der Markenname Christlich ist nicht gesetzlich geschützt. Jede/r kann sich christlich nennen, ohne dafür vor einem weltlichen Gericht belangt werden zu können, z.B.  wegen "Missbrauch des Namens Gottes". (Das zweite der 10 Gebote lautet: "Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen".)

Also müssen wir noch ein bisschen warten, bis das endgültige Urteil gesprochen wird vom eigentlichen Inhaber des Namens Jesus-Christus.
Erst dann wird sich - so sehen es zumindest mache Christ_innen - entscheiden, wer auf der linken(!) und wer auf rechten(!) Seite des Weltenrichter Platz nehmen darf, um in der ewigen Verdammnis oder in der ewigen Seligkeit zu landen. - Oaky, die Frage des möglichen Sünden-Ablasses lassen wir hier jetzt mal außen vor bis es so weit ist.


Beim Thema, ob Gott bei der Erschaffung der Welt vielleicht doch nur Bio-Deutsche gemeint habe so wie einen 100% Bio-Adam-Mann und eine 100% Bio-Eva-Frau als er sagte: "Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut" scheiden sich die "christlichen" Geister:


Beispiel.
Die Evangelische Kirche in Deutschland hat im Jahr 2017 der evangelikalen Nachrichtenagentur "Idea" die Mittel gestrichen: 132.000 Euro/Jahr. Die evangelikale Nachrichtenagentur scheint darüber nicht besonders traurig zu sein:
Quelle
Auf keinen Fall wolle "idea" sich jetzt beim EKD-Vergabeausschuss um die Neuverteilung der Mittel bewerben. Die nun gestrichenen und neu zu verteilenden 132.000 Euro seien sowieso ein symbolischer Betrag gewesen, um die Verbindung zwischen evangelischer Kirche und dem evangelikalen Rand nicht abreißen zu lassen.
Idea mit seinen gut 50 Mitarbeitenden trage sich wirtschaftlich gut alleine. Leiter Helmut Matthies sieht den EKD-Beschluss als eine Art kirchenpolitische Strafmaßnahme.
[Quelle]
Innerkirchlich umstritten 

ist nicht nur "ideas" Haltung zum Islam, sondern auch der Einsatz für so genannte messianischen Juden, Juden also, die sich zu Jesus von Nazareth als ihrem Messias bekennen. Die daraus resultierende Judenmission lehnen die meisten Landeskirchen wie auch die EKD ab. [...] Oder ist "idea" in den letzten Jahren zu sehr an den rechten politischen Rand gerutscht, weil zu AfD-freundlich berichtet wurde? Der Soziologe Andreas Kemper beobachtet im rechten Spektrum schon eine gewisse Verwandtschaft zwischen politischen und christlichen Medien. [...] "Es gibt da deutliche Überschneidungen, wenn man sich eine Kampagne anschaut von der Jungen Freiheit: 'Gender mich nicht voll', heißt die, die antifeministisch aufgestellt ist gegen so genanntes gender-mainstreaming, das ist so ein Kofferwort, wo alles Mögliche reingepackt wird. Das ist eine Kampagne, wo sowohl christlich-fundamentalistische Gruppierungen mitmachen als auch die Neue Rechte der Jungen Freiheit. Da gibt es starke Überschneidungen. [Quelle]



Kemper:
  • Die Junge Freiheit ist in erster Linie neu-rechts ausgerichtet, ein Sammelbecken von völkisch bis christlich-fundamentalistisch, Thilo Sarrazin ist der Held der Jungen Freiheit. 
  • Die Tagespost ist deutlicher christlich-fundamentalistisch.
     
    Quelle
  • Das  bekannte Publizistenpaar Birgit ("„Dann mach doch die Bluse zu!“ ) und Klaus Kelle ist nicht in erster Linie völkisch, sondern in erster Linie geht es um Erzkatholizismus (= im höchsten Grade vom Katholizismus geprägt; Duden).
  • Das Internetportal kath.net, hat Sponsoren, dort muss man keine finanziellen Sorgen haben, von "Kirche in Not" (Das internationale katholische Hilfswerk Kirche in Not, früher: Kirche in Not/Ostpriesterhilfe, ist eine Stiftung päpstlichen Rechts. Papst Benedikt XVI. erhob das vormalige Werk päpstlichen Rechts am 7. Dezember 2011 zu einer Stiftung.


    von Heereman, und auch die Legionäre Christi, ein Sohn von Heereman ist Leiter bei den Legionären." [Quelle: DLF Von Tag zu Tag, 5.12.2017]
    Quelle

    Innerhalb der AfD seien die Flügelkämpfe im vollen Gange.

    Auf dem jüngsten evangelischen Kirchentag sprach Anette Schultner noch für "Christen in der AfD". Sie hat mittlerweile die Partei verlassen. An der Frage, wie völkisch das Christliche sein kann, scheiden sich die Geister.

"Bei diesen Leuten, die jetzt die AfD verlassen, ist es eben so, die Christen in der AfD, die haben eine Teilung, da sind einmal evangelisch evangelikale Menschen, die da mit machen. Auf der anderen Seite erzkatholische. Und momentan ist es so, dass der gesamte evangelisch evangelikale Block quasi abbröckelt. Das ist nicht nur Anette Schultner (Video, Demo für Alle - Hannover, 22.11.2014 - Anette Schultner, 9 Minuten). Bei den Katholiken sehe ich das noch nicht, aber ich denke, das wird eine ähnliche Tendenz werden. Die AfD wird denen zu völkisch und völkisch passt nur bedingt zusammen mit christlich-fundamentalistisch." (Kemper a.a.O.)

Quelle
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Wer noch etwas tiefer in die Sache einsteigen will, kann sich z.B. die Bücher von PhD Dr. Sonja Strube anschauen, promovierte und habilitierte katholische Theologin. Universitätsdozentin, Studium der Katholischen Theologie, Philosophie und Psychologie.






 Die Demo für alle
 hat ihre eigene Meinung über Frau Strube, der Deutschlandfunk hat sie wiederholt interviewt.









Der Verlag Herder (umgangssprachlich auch Herder-Verlag) ist ein deutscher Buch- und Zeitschriftenverlag mit traditionell katholischer Ausrichtung. Der Verlag gehört mit seiner über 200-jährigen Tradition zu den ältesten Deutschlands. Er ist eine GmbH der Verlagsgruppe Herder, die sich seit sechs Generationen in Familien- und Stiftungsbesitz befindet. [Wikipedia]