Samstag, August 18, 2012

Global Play: Domino-Stein Syrien


Siehe auch:
Inzwischen erscheinen die gewaltfreien Demonstrationen gegen Präsident Assad in Syrien, die im März 2011 begannen und die wohl immer noch stattfinden, eher rührend, wenn man sich die blutigen Kämpfe ansieht, die in Syrien derzeit stattfinden. - Der gewaltlose Widerstand ist leider unter die Räder bzw. unter die Gewehrläufe gekommen, "die politische Macht entspringt den Gewehrläufen" (Mao Zedong 1927) - leider mal wieder, wenn auch nicht immer.

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In einer dpa-Meldung hieß es Mitte August 2012:
14. August 2012
Assads Zeit läuft ab, sagt Riad Hidschab. Zwei Monate lang ist er Ministerpräsident unter Assad, dann läuft Riad Hidschab zu den Rebellen über. Jetzt kündigt er den baldigen Zusammenbruch des syrischen Regimes an. - Der zur Opposition übergelaufene syrische Ex-Ministerpräsident Riad Hidschab sieht das Regime von Präsident Baschar al-Assad vor dem Zusammenbruch.
Es kontrolliere nur noch 30 Prozent des Staatsgebietes, sagte Hidschab auf einer Pressekonferenz in Amman. ... Der Kollaps des Regimes sei ein „moralischer, finanzieller und militärischer“, sagte Hidschab weiter. Er rief alle „ehrlichen“ Staatsbeamten und Kommandeure der Sicherheitskräfte dazu auf, sich vom Regime abzuwenden und sich der Opposition anzuschließen. Der Sunnit Hidschab war zum Zeitpunkt seines Bruchs mit dem Assad-Regime Ministerpräsident. Das Amt hatte er erst seit zwei Monaten inne. Der Assad-Clan und die meisten Spitzen der Sicherheitskräfte gehören der alawitischen Minderheit an.
Auch hier geht es wieder um Sunniten, Alewiten (und Schiiten), so als handele es sich in Syrien um einen Krieg der Konfessionen.
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Immer wieder gerne lese und höre ich die Kommentare von Michael Lüders zur Nahostpolitik. Denn sie leuchten die Lage aus, erhellen die Lage und leuchten ein:

Dr. Michael Lüders,
geboren 1959 in Bremen. Studium der arabischen Literatur in Damaskus, der Islamwissenschaften, Politologie und Publizistik in Berlin. Promotion über das ägyptische Kino. Dokumentarfilme für SWR und WDR. Langjähriger Nahostkorrespondent der Wochenzeitung DIE ZEIT. Lebt als Politik- und Wirtschaftsberater, Publizist und Autor in Berlin.


Statt darüber zu parlieren, dass mal wieder religiöse Gruppen um die Vorherrschaft kämpfen, dass "der gute Westen" doch helfen soll, den "bösen" Diktator Assad zu stürzen, und dass das böse China und das böse Russland sich wieder einmal im Weltsicherheitsrat uneinsichtig und bockig zeigen und eine Friedenslösung blockieren ... bringt Lüders die Sache auf den Punkt: 
  • "Die Forderung nach dem Sturz Assads seitens der EU, der USA, der Türkei und auch der Saudis hat nichts mit den unsäglichen Verbrechen des syrischen Diktators zu tun.
  • Sondern damit, dass Syrien der letzte verbliebene Verbündete des Iran in der Region ist.
  • Umgekehrt eint Teheran, Peking und Moskau der Wille, nicht noch ein Land an die westliche Einflusssphäre zu verlieren. Es ist ja allen klar, dass diese Länder nach dem Sturz von Assad in Syrien nichts mehr zu melden hätten. Sie werden Assad daher bis zum Letzten unterstützen."
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Zur Lage im Iran,  
die damit sehr wohl verbunden ist, sagt Lüders:

Bislang sagen der Chef der IAEA (der internationalen Atom-Aufsichtsbehörde), die CIA und der israelische Geheimdienst übereinstimmend, dass sie keine belastbaren Hinweise darauf haben, dass der Iran eine Atombombe baut.

Das sollte man ernst nehmen. ... Wir haben es von Libanon und Syrien bis nach Pakistan mit einem massiven Staatszerfall zu tun. Iran ist der einzige Ruhepool zwischen Beirut und Karatschi. Wenn man den jetzt angreift, dann gibt es in einer Region, so groß wie Westeuropa, keine Grenzen mehr für gewalttätige Gruppierungen, die sich irgendeinen Dschihad auf ihre Fahne schreiben und den Westen bekämpfen. Militärisch ist das eine nicht mehr zu kontrollierende Situation. ... Greift man den Iran an, wird er sich rächen und alle möglichen gewalttätigen Gruppen unterstützen, um dem Westen nach Kräften zu schaden. Ein Angriff auf den Iran würde die gesamte Region in Brand setzen. Die Europäer haben noch immer nicht begriffen, welche Gefahren dann auf sie zukämen.
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Dienstag, August 14, 2012

Smile or die ! - Das Glücks-Versprechen


Martin Seligman, in diesen Tagen 70 Jahre alt geworden, ist Psychologie-Professor in Pennsylvania/USA. In Deutschland ist er 


bekannt geworden durch sein Buch Der Glücks-Faktor, das in diesem Monat in Deutschland bei Bastei-Lübbe als Taschenbuch in der 9. Auflage erschien.  - 

Wer möchte nicht gerne glücklich sein und länger leben? - Und das alles für weniger als 9 Euro (8 Euro und 99 Cent). Allerdings muss man vorher schon etwas dafür arbeiten: 499 Seiten lesen.

Das Forschungsprogramm, das Selgigman begründet hat, nennt sich "Positive Psychologie" und erhielt so richtig Schwung, als Seligman 1997 Präsident der American Psychological Association wurde. 
"The American Psychological Association is the largest scientific and professional organization representing psychology in the United States. APA is the world's largest association of psychologists, with more than 137,000 researchers, educators, clinicians, consultants and students as its members."
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Jetzt hat er Prof. Selgiman ein neues Buch geschrieben: 

FLOURISH - WIE MENSCHEN AUFBLÜHEN:
Die Positive Psychologie des gelingenden Lebens
.
Kösel-Verlag, 480 Seiten,
keine 25 Euro - um es positiv zu formulieren :-) . 

PSYCHOLOGIE HEUTE schreibt in der Ausgabe August 2012 dazu:
"... er stellt die Thesen seiner eigenen Monografie Der Glücksfaktor aus dem Jahr 2002 auf den Kopf. Er ergänzt sie nicht nur, sondern revidiert sie grundlegend. Seine damaligen Thesen bezeichnet er
  • als unzureichend,
  • als löchrig
  • und falsch,
da sie ihm aus heutiger Sicht zu begrenzt erscheinen. ... Nun zieht er das Wort Glück ganz zurück. Statt dessen ..."
Vielleicht hätte man sich das Geld im Jahr 2003 (45 Euro) sparen sollen und auf das aktuelle Buch in 2012 warten?  -Das Forschungsprogramm Seligmans ist in der deutschen akademischen Psychologie ohnehin umstritten. Fuß gefasst haben die "Positive Psychologie" und das "Positive Leadership" eher in den Bereichen, wo man etwas verkaufen will: in Handelsunternehmen.  In Deutschland zum Beispiel bei den OBI-Baumärkten, bei Media-Markt und bei Saturn.
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In ihrem Buch Smile or Die zerpflückt die US-Autorin Barbara Ehrenreich, Jg. 1941, die "Positive Psychologie" als eine gigantische Illusion unserer Zeit. Die "Positive Psychologie" verzeichne nicht nur in Amerika einen ungeheuren Boom; weltweit werden Institute eröffnet und Millionen an Fördergeldern zugeschossen. - Ehrenreich ist eine erfolgreiche investigative Journalistin in den USA, war Präsidentin der Demokratischen SozialistInnen Amerikas und arbeitete - ähnlich wie Günter Wallraff in Deutschland - auch undercover in prekären Jobs und in Berufen für mittlere Angestellte...
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Der Kern der positiven Psychologie besteht darin, sich von der herkömmlichen negativen "krankheitsorientierten" Psychologie abzuwenden und stattdessen, positiv, die Bedingungen des gelingenden Lebens zu untersuchen. Der Gründer der Positiven Psychologie, Martin Seligman, könne allerdings nur mit zweifelhaften Langzeitstudien aufwarten, um den Zusammenhang von Glück positivem Denken, Langlebigkeit und Gesundheit zu belegen - so Ehrlichman. 

Nicht zuletzt, sagt sie, leisten die Positiven Psychologen einen Beitrag zur Erhaltung des politischen und gesellschaftlichen Status Quo, weil sie den Lebens-Umständen eine so geringe Rolle beimessen. "Warum für bessere Jobs und Schulen (...) eintreten, wenn diese Dinge so wenig zum Glück der Menschen beitragen?" Ehrenreich
Ehrenreich weist nach, dass sich der Erfolg der Positiven Psychologie tatsächlich messen lässt; vor Allem in Dozenten-Stellen und Karrierechancen auf dem Coaching-Markt macht sich die Positive Psychologie positiv bemerkbar: Für die Positiven Psychologen und Positiven Coaches selbst.
 
BARBARA EHRENREICH: Smile or Die.
Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt. 
Aus dem Englischen von Gabriele Gockel und Barbara Steckhan. 
Verlag Antje Kunstmann, München 2010. 
254 Seiten, 19,90 Euro


Siehe auch: NLP - Neurolinguistisches Programmieren 

Buch-Tipp:
Arnold Retzer: Miese Stimmung. Eine Streitschrift gegen positives Denken, S. Fischer Verlag, 19,99 Euro. Arnold Retzer ist Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Gründer und Leiter des Systemischen Instituts Heidelberg. 

 

Mittwoch, August 08, 2012

Was lesen? - Von der Frankfurter Rundschau zum taz-Biedermeier


1977, als die Frankfurter Rundschau noch "links-liberal" war 

und Deutschland noch "sozial-liberal" regiert wurde - (1969-1974 unter Kanzler Willy Brandt, danach bis 1982 unter Helmut Schmidt schon etwas weniger sozial-liberal) -  sang der Singer-Songwriter (man sagte noch "Liedermacher") Franz Josef Degenhardt:

 "Wildledermantelmann":
Wildledermantelmann -
Elbsegler-Kappe und Haar knapp am Kragen,
kein Gramm zu-viel und Durchblickerbrille.
Frankfurter Rundschau und Aktenkoffer,
lächelt sozial-liberal und grüßt dich. 
Hallo, sagt er, Genosse, wie läuft‘s denn?
Junge, wir sind in die Jahre gekommen.
Floss auch viel Wasser den Fluss runter zu,
und die Verhältnisse sind auch nicht so.
Na, sagst du, so oder so oder so, mein Junge, und wie ist das Gefühl, wenn man so langsam, langsam, langsam driftet nach rechts?
Brandt & Scheel,  1972 Kanzler & Vizekanzler
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Inzwischen ist die Frankfurter Rundschau (FR) nicht mehr "links-liberal", ihre Auflage sank zudem dramatisch (auf ca. 75.000 Abos), die links-liberalen Männer mit der Durchblickerbrille sind inzwischen vielleicht zur Süddeutschen Zeitung (derzeit ca. 300.000 Abos) oder zur tageszeitung taz (ca. 45.000 Abos) abgewandert, die 1978, vor 34 Jahren, im Jahr nach dem Wildledermantelmann,  gegründet wurde.
Die taz gilt heute Vielen als "linke Zeitung".  Ist sie das (noch)?

In der FR, in gewisser Weise die nächste Konkurrentin der taz, stand zu lesen:
"Wochentags verdient die Zeitung [taz] solides Geld, doch die Leser altern, die harte Auflage aus Abo- und Einzelverkauf sinkt bei steigender E-Paper-Nachfrage. Zusammengerechnet liegt die Zahl bei 52.400 Exemplaren. ...
Als Chefin wollte Ines Pohl der taz ein linkeres Profil geben. Davon ist jedoch kaum etwas zu sehen. Nach drei Jahren unter ihrer Führung herrscht Uneinigkeit in der Redaktion über einen neuen Weg. Linker solle die linke Tageszeitung wieder werden und frecher. ... Manch tazler sagt, das Blatt verliere an Profil, sei bieder geworden, wolle gefallen statt anzuecken."
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Wenn man so manche Titelgeschichte der taz anschaut, wie zum Beispiel die von heute ... 


  • " ... Drei Wolfswelpen tapsen neugierig neben ihrer Mutter über einen Truppenübungsplatz in der Lüneburger Heide. ..."
  •  "OBAMAS FRISÖR Zariff schneidet auch einer tazlerin die Haare. Einfach so. "
 ... oder sich die Werbegeschenke anschaut (hochpreisiges Gerät für den eigenen Garten):

 
... dann fragt man sich, wieso manche Menschen glauben, die taz sei eine "linke" Zeitung.
Da denkt man doch eher an die Rückkehr des Biedermeier,   auch wenn der Sonntagsausflug anno 2012 sicher auf einem (hochpreisigen)  taz-Rad mit der sonntaz im Gepäck und dem eingetragenen Lebenspartner im Schlepptau stattfinden wird?  (Seit April 2009 erscheint die sonntaz in der Samstagsausgabe als Beilage.)

Der Sonntagsspaziergang aus dem Jahre 1841 vom Maler Carl Spitzweg, ein typischer Vertreter der Biedermeier-Epoche. Quelle: wikipedia

Vielleicht liegen manche Spitzen-Sozialdemokraten gar nicht so falsch mit ihrer Sicht:

Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Spiegel" sehen demnach führende Sozialdemokraten die Grünen eher als "Nischenpartei der Latte-macchiato-Bourgeoisie". - 

Und die taz als deren Zentral-Organ? Schauen wir mal, wie der Kampf zweier Linien ausgeht...

Beste Grüße
Ihr BLOGGER ( und taz-Genosse).

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Donnerstag, August 02, 2012

Umweltschutz in China: basisdemokratisch, unbürokratisch, effektiv . - Doch nicht ganz gewaltfrei.

Auch wenn in China das Internet zensiert ist und unliebsame Nachrichten, die über den chinesischen Weibo-Dienst (eine Art Twitter, auch Mikroblog genannt) verbreitet wurden, von der Regierung schnell wieder gelöscht werden,  so lassen sich "der" Chinese und "die" Chinesin an sich dadurch nicht unbedingt daran hindern, zu kommunizieren und zu demonstrieren.

Ende Juli 2012: Bürger stürmen ein Regierungsgebäude in Qidong bei Shanghai
BürgerInnen und Staat sind umweltbewusst, auch wenn unsere Mainstream-Medien oft den gegenteiligen Eindruck vermitteln wollen oder zumindest tun: Die chinesische Regierung ist weltweit der größte Investor in erneuerbare Energien (vergleiche diesen Link) und die von umweltfeindlichen Projekten betroffene Bevölkerung demonstriert oft und auch effektiv für lokalen Umweltschutz, auch wenn ihr Risiko  um ein Vielfaches höher ist als bei uns im "freien Westen". 
  • "2011 etwa verhinderten 30.000 wütende Demonstranten den Bau eines Kohlekraftwerks in der südchinesischen Stadt Shantou.
  • In Jiaxing im Südosten des Landes protestierten im selben Jahr 10.000 gegen das verdreckte Abwasser einer Solarfirma. Das Unternehmen musste daraufhin schließen.
  • Und vergangenes Jahr musste die Stadtregierung der nordostchinesischen Hafenstadt Dalian einlenken, nachdem Zehntausende über Wochen hinweg gegen den Bau eines Petrochemiewerks auf die Straßen gegangen waren."
  • Anfang Juli 2012 hatte es tagelange Massendemonstrationen in Südwest-China in Shifag [der Ort heißt "Shifang". Der Blogger.] gegeben, auch dort ging es gegen ein Industrie-Projekt, auch dort mussten die Behörden die Pläne aufgeben.
"Nach Einschätzung der regierungsnahen Akademie der Sozialwissenschaft finden in China jährlich bist zu 180.000 unangemeldete Proteste statt – das sind fast 500 am Tag."
Quelle 

Für letzten Samstag, Ende Juli 2012, hatten SchülerInnen via Weibo (siehe oben) in der Industriestadt Qidong im Osten Chinas (bei Shanghai) eine Demonstration gegen die geplante Abwasserpipeline einer japanischen(!) Papierfabrik angekündigt, durch die täglich zigtausend Tonnen Schmutzwasser in den Fischerei(!)-Hafen geleitet werden sollten. Die Lokal-Regierung hatte das Vorhaben genehmigt.   - Tausende von Demonstrierenden (die Polizei spricht von 5000, Weibo von 100.000) versammelten sich vor einem Regierungsgebäude der Stadt, zunächst friedlich, später wurden einem Sekretär der KPCh die Kleider zerrissen, ein Regierungsbüro gestürmt, die Akten durch`s Fenster auf die Straße geworfen, ein Polizei-Auto und andere PKWs umgekippt...


Demonstrierende verprügeln Polizisten in Qidong
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Die Regierung der Stadt Qidong teilte auf ihrer Webseite mit, dass das Abwasser-Projekt der Papierfabrik gestoppt worden sei.

Historische Anmerkung: 
Traditionelle Formen des Protest in China


Schon in der Qing-Dynastie, die in China vom 17. bis ins 20. Jahrhundert 270 Jahre herrschte, gab es etablierte Formen des Widerstandes gegen die Zentralregierung. Die konfuzianische Beamtenschaft - und nur sie - hatte qua Amt die Pflicht und das Recht, gegen ungerechte Maßnahmen des Kaisers zu protestieren. 

Im 19. Jahrhundert gab es zunehmenden Protest auch gegen die Beamten selber, z.B. gegen missbräuchliche Praktiken der Steuereintreiber vor Ort, wobei die Bauern auf dem Lande dann auch nicht zimperlich vorgingen: In solchen Fällen versammelten sich manchmal Tausende notdürftig bewaffnete Bauern vor den Amtssitzen der regionalen Beamten, um ihre Beschwerde vorzubringen und sie scheuten auch nicht davor zurück, notfalls das Amtsgebäude zu demolieren und die Beamten des Kaisers tätlich anzugreifen. Berühmt ist eine Rebellion in Hubei 1842, die niedergeschlagen wurde. Die kaiserliche Regierung betrieb aber hinterher eine intensive Ursachenforschung.  (Hubei-Link wikipedia)


Auch im 20. Jahrhundert, unter Mao Zedong,
gab es in den 1950er Jahren verborgene und offene Bauern-Proteste gegen die Zentralregierung, der sich z.B. gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft und die damit verbundene Ablieferung von Getreide in die Städte richtete. Auch damals griffen die Bauern auf diese überlieferten Formen des gewaltsamen Protestes zurück, zerstörten Amtsgebäude und ermordeten auch schon mal lokale Beamte. 

Quelle: Thoralf Klein, Geschichte Chinas, 2. Aufl. 2009 


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Dienstag, Juli 17, 2012

Der verschwundene chinesische Bischof und die christliche Kirche in China

  • 11.07.2012

Bischof von Schanghai verschwunden

Felix Lee schreibt in der taz:


Katholik sein in China geht nur gut, wenn man auch in der Staatskirche ist: 
 
PEKING taz | Es ist in den vergangenen Jahren sehr selten vorgekommen, dass sich Vatikan und Peking auf einen gemeinsamen Bischof verständigt haben. Die römisch-katholische Kirche erkannte die von Chinas Führung auserkorenen Bischöfe meistens nicht an. Die regierende Kommunistische Partei in der Volksrepublik wiederum duldete keinen Kandidaten, der sich nicht ihr unterstellte. Auf Thaddeus Ma Daqing hatten sich beide Seiten nach langem Gezerre geeinigt.
Der 44-Jährige wurde am vergangenen Samstag zum neuen Bischof des Bistums Schanghai geweiht. Womit die chinesische Führung nicht gerechnet hatte: Ma erklärte kurz nach seiner Weihe den Austritt aus der chinesischen Staatskirche. Seitdem ist er verschwunden.

Wie das unabhängige katholische Nachrichtenportal ucanews berichtet, sind chinesische Sicherheitskräfte nur wenige Stunden nach Mas Austrittserklärung vor der Sankt-Ignatius-Kathedrale im Schanghaier Stadtteil Xujiahui vorgefahren, haben ihn festgenommen und verschleppt.
Ucanews vermutet, dass Ma im Priesterseminar von Sheshan, rund 30 Kilometer von Schanghai entfernt, unter Hausarrest gehalten wird. Ma selbst soll sich seitdem nur einmal kurz bei Angehörigen mit einer Textnachricht gemeldet haben.
Das klang nach der Weihe am Samstag noch ganz anders. Noch während des feierlichen Hochamts soll er Augenzeugen zufolge unter Applaus der mehr als 1.000 Gläubigen offiziell seinen Austritt aus der Katholisch-Patriotischen Vereinigung (CPA) erklärt haben. Dabei handelt es sich um die von der kommunistischen Führung anerkannten katholischen Staatskirche. Der Vatikan lehnt diese Gemeinschaft ab, sieht sie darin den Versuch der chinesischen Machthaber, staatliche Kontrolle über den Katholizismus in China zu erlangen. Peking wiederum verbietet Katholiken die Ausübung ihrer Religion, wenn sie nicht auch Mitglied dieser Staatskirche sind...

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Mal nebenbei: 

"Peking wiederum verbietet Katholiken die Ausübung ihrer Religion, wenn sie nicht auch Mitglied dieser Staatskirche sind...". 
Das hört sich grauslich an. 

Oder soll sich grauslich anhören? (Denn im China und im Osten geht es nun mal, wie jede/r weiß, im Unterschied zum zivilisierten Westen  grauslich zu.)

Bei uns in Europa gibt es allerdings - was den Vorfall in China allerdings auch nicht unbedingt besser macht - noch Grauslicheres: 
In der Englischen Kirche, der Church of England, ist das Staatsoberhaupt (also derzeit Queen Elisabeth) gleich selber das Oberhaupt der englischen Staatskirche. Und der Primas der Church of England, der Erzbischof von Canterbury, spielt nur die zweite Geige. - Da könnte der chinesische Staatspräsident Hu vielleicht noch etwas abschauen?

Und bei uns in Deutschland sind Staat und Kirche auch nicht wirklich getrennt - die deutschen Katholiken z.B. müssen es brav schlucken, wenn der Papst in Rom ihnen einen schwulen-feindlichen und reaktionären Bischof vor die Nase setzt, auch wenn dieser Bischof damit gegen UN-Menschrechte und EU-Recht verstößt. Mancher deutsche Katholik wäre vielleicht froh, wenn sein Bischof sich mal ins Priesterseminar zurückziehen würde - Hausarrest muss ja nicht gleich sein -  und seinen untergebenen Schäfchen eine sms schicken würde, er sei dann mal weg, erschöpft und brauche eine Pause. 

So viel nebenbei.
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Die christliche Kirche in China 
hat eine bewegte Geschichte

Von chinesischer Kultur und europäischen Ureinwohnern

Die chinesische Regierung ließ sich in ihrer langen Geschichte schon immer etwas weniger vom Papst gefallen als die deutsche (mal abgesehen von Martin Luther und Kollegen in Deutschland - und von den Jahren 1895 bis 1949 in China, dem "Jahrhundert der Schande", als das Land unter dem Imperialismus der Japaner, Engländer, Franzosen, Portugiesen, Holländer, Russen und: der Deutschen leiden musste). 

1946 schrieb der Chinese N.Q. Tse stolz, dass Chinas Zivilisation bis 2852 v. Chr. zurückreiche - in die Zeit, als das Alte Ägyptische Empire Memphis gegründet wurde -  und dass China schon eine entwickelte Kultur gehabt habe, als die Vorfahren der heutigen Amerikaner und Europäer sich noch auf einem kulturellen Entwicklungsstand kaum höher als dem der australischen Aborigines befanden...

Den Höhepunkt seiner geographischen Ausdehnung erreichte China im 18. Jahrhundert unter den Kaisern der Qing-Dynastie. Und als der Vatikan den chinesischen Christen verbieten wollte, für das Wort "GOTT" den aus den klassischen chinesischen Schriften abgeleiteten Namen "Shangdi" zu benutzen, ließ der chinesische Kaiser 1725 kurzerhand alle christlichen Missionare ausweisen. 

Erst später ging es bergab, als die Qing-Dynastie in Korruption versank und die christlichen Seefahrer mit ihren Kanonenbooten den "Freihandel" mit China erzwingen konnten, mit Hilfe korrupter chinesischer Beamter Opium ins Land importierten konnten, sich ihr Opium und andere Importe nach China nicht mehr im Tausch mit Tee und Seide, sondern mit dem großen chinesischen Silber-Vorräten bezahlen ließen.

Britischer Angriff auf Nanjing
 

Von ungleichen Verträgen und christlichen Missionaren
China wehrte sich in den zwei sog. Opium-Kriegen gegen den Imperialismus des Westens, verlor sie, musste die sog. "Ungleichen Verträge" akzeptieren, Gebiete abtreten und die christlichen Missionare wieder ins Land lassen: Katholische Missionare erhielten 1860 in der Konvention von Peking das Recht, auch im Landesinneren tätig zu werden und Grundbesitz zu erwerben. 1881 wurde das recht auf die Protestanten ausgedehnt.

Durch den zunehmend aggressiver werdenden Imperialismus kam es zum Boxer-Aufstand unter dem Motto "Unterstützt die Qing-Dynastie, vernichtet die Fremden", bei dem 250 Ausländer (hauptsächlich Missionare) und tausende, vielleicht mehrere zehntausend chinesische (!) Christen getötet wurden. ("Boxer" bedeutet sinngemäß "In Rechtschaffenheit vereinigte Milizen".) - Das war keine Christen-Verfolgung, sondern es ging um Selbstverteidigung gehen die ausländische Kanonenbootpolitik, als deren "U-Boote" im Lande die westlichen Missionare und die missionierten Chinesen gesehen wurden. -  Sechs europäische Staaten plus Japan und USA kämpften den anti-imperialistischen Aufstand nieder. 

Deutscher Soldat in Peking nach den Boxer-Aufständen

Auch wenn die christliche Mission in China oft reiner Selbstzweck war, so war sie doch (wie auch in Lateinamerika zu Zeiten von Christoph Kolumbus) in der Praxis ein Teil des Imperialismus: Die Missionsschulen sollten auch dazu dienen, Vorurteile gegen die "christlichen" Ausländer abzubauen, und der in den Missionsschulen erteilte Sprachunterricht diente den Kaufleuten und Politikern dazu, in China Mittelsmänner ("Kompradoren") zu finden, die ihre Sprache verstehen und sprechen konnten. 
"Die ausländischen Teufel töten und ihre Bücher verbrennen"
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p.s.:
  • 1860 besaßen ausländische Firmen das weltweit einzigartige Privileg, die chinesische Binnen(!)-Schifffahrt abwickeln zu dürfen. 
  • 1911 befanden sich rund 90% der chinesischen Eisenbahnen in ausländischer Hand. 
  • Um 1905 gab es etwa 5000 evangelische und katholische Missionare in China.   
  • Eine besondere Rolle spielte der deutsche Missionar Richard Wilhelm (1873-1930), der 1899 als evangelischer Missionar in das sog. "Schutzgebiet Kiautschou" nach China kam, ein Beutestück des deutschen Kolonialismus unter Kaiser Wilhelm. "Endlich ein Mensch" sagte jemand über ihn, und er ist vielleicht der einzige Missionar, der sich weigerte, auch nur einen einzigen Chinesen zu taufen. Statt dessen übersetzte er chinesische Klassiker ins Deutsche und wurde zu Chinas "Missionar" in Europa.

1911 kam es dann zur Nationalen Revolution in China, 

Wuchan Aufstand 1911
der letzte Kaiser wurde gestürzt, die chinesischen Warlords von den Truppen Jiang Kaisheks und Mao Zedongs bekämpft.

Der letzte "Ungleiche Vertrag" 
wurde von der Schweiz im Jahre 1918 mit China abgeschlossen.

Die ersten "Gleichen Verträge"  
1919 und 1920 mit Bolivien und Persien, und 1921 folgte die deutsche Weimarer Republik als erste ehemalige Kolonialmacht ("Vertrags-Macht") dem guten Beispiel.

In der Folge dieses Vertrage wurden die Deutschen in China ausgesprochen gut behandelt, und China wurde zu einem wichtigen Handelspartner Deutschlands. 
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Montag, Juli 16, 2012

Syrien: Die Aufständischen von März 2011 und das verlorene Heft


Zu Beginn der Revolution, Mitte März 2011,

ging es den Menschen in Syrien NICHT um einen Sturz des Regimes und es ging auch nicht gegen Präsident Assad persönlich, der damals nicht unpopulär in der Bevölkerung war. (Selbst US-Außenministerin Hillary Clinton bezeichnete ihn Ende März 2011 noch als "Reformer".)

Es ging den Aufständische im Frühjahr 2011 um Reformen, um Freiheit, um Chancengleichheit in der Wirtschaft, um Würde und gegen Korruption. 

Die Revolution in Syrien hat friedlich begonnen, und noch immer gibt es den gewaltfreien Protest in Syrien, Tausende gehen jeden Tag unbewaffnet auf die Straßen. 

Doch diese Aufständischen haben das Heft nicht mehr in der Hand. 

Inzwischen kamen immer mehr ungebetene Gäste aus dem Ausland dem Aufstand zu "Hilfe", al Quaida, Saudi-Arabien.... Was Präsident Assad von Anfang an propagandistisch zu Propagandazwecken gesagt hatte - dass der Aufstand von außen ins Land getragen worden sei um seine Regierung zu stürzen - wird nun Wirklichkeit als sich selbst erfüllende Prophezeiung. 

Es gibt nicht mehr nur "die guten Aufständischen", denn viele der Milizen, die inzwischen - gefragt oder ungefragt - auf Seiten der syrischen Opposition kämpfen, wollen einen militärischen Einsatz des Westen provozieren, um das Regime Assad zu stürzen. GUT und BÖSE sind inzwischen auf beiden Seiten zu finden: Auch einige westliche Korrespondenten  gehen inzwischen davon aus, dass das Massaker von Hula  von Milizen der Aufständischen begangen wurde, um einen Militäreinsatz des Westen zu provozieren. 

Warum? 

Wenn "der Westen" je die aufständische Bevölkerung in DEREN Anliegen nach Reformen hätte unterstützen wollen, dann hätte es politischen Druck auf Assad ausüben müssen unter Einbeziehung von Russland. Ohne Russland (und die andere Vetomacht im UN-Sicherheitsrat China) kann es keine friedliche Lösung geben, denn Russland ist Syriens Freund und Helfer. Warum? Der einzige Militärstützpunkt der russischen Kriegsmarine im Mittelmeer liegt in der syrischen Stadt Tartus. - Selbst wenn Assad ein "Schweinehund" wäre, so würde Russland ihn nicht einfach aufgeben wollen, denn es ist ihr Schweinehund (um einen Satz von US-Präsident Roosevelt aufzugreifen, den er einst über die nicaraguanischen Diktatoren-Dynastie Somoza sagte). Das ist ein Muster jeglicher Großmachtpolitik schon immer gewesen, ob westlich oder östlich. 

Und: 

Syrien ist mit Iran befreundet. Wenn Assad gestürzt wird, wird auch ein Vorposten des Iran im Westen und ein Unterstützer der Hisbollah im Nahen Osten gestürzt. So kann man mit einem Sturz Assads gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen, russische und iranische.

Das sind die Spiele, die derzeit in Syrien gespielt werden wie zuvor im Irak und in Afghanistan.

Wie Volker Perthes, Leiter der Stiftung Wissenschaft und Politik, in der taz sagte: 
Die jungen Leute, die den Aufstand begonnen haben, "werden nicht diejenigen sein, die morgen in den Ministerien sitzen. Ich bin immer sehr beeindruckt von diesen Leuten, sie riskieren sehr viel, und ihnen geht es nie um die Macht. Das unterscheidet sie von vielen Exilpolitikern."
Und Präsident Assad?
"Wenn Assad gewollt hätte, hätte er die Kurve kriegen können. Es hätte den großen Absturz nicht geben müssen." (Volker Perthes)

Assad hätte auf die Forderungen eingehen können, verhandeln, Kompromisse schließen können. Er hätte sich vielleicht an die Spitze der Forderungen der Aufständischen stellen können, denn 
die beste Methode eine Revolution unschädlich zu machen ist bekanntlich, sich selber an ihre Spitze zu setzen.  
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Die "jemenitische Lösung" 
wäre für Assad denkbar gewesen: 

Nachdem an Heiligabend 2011 ein Protestmarsch mit 100.000 Teilnehmern, der vier Tage zuvor in Taizz gestartet war, in Sanaa eingetroffen ist, attackieren jemenitische Elitesoldaten – trotz eines Befehls, sich aus den Straßen fernzuhalten – den Demonstrationszug mit Tränengas, Wasserwerfern und scharfer Munition. Am Tag zuvor hatte Präsident Salih verkündet, für einige Tage in die USA reisen zu wollen, „nicht, um mich behandeln [...] , sondern um [...] die Übergangsregierung ordentlich die Wahlen vorbereiten zu lassen“.
Ali Abdullah Salih, der noch bis 21. Februar 2012 formell als Ehrenpräsident im Amt bleiben wird, übergibt die Macht an Abed Rabbo Mansur Hadi und reist in den Oman aus, um sechs Tage später zu medizinischen Behandlungen in die USA zu fliegen....

Oder die tunesische:

Am 13. Januar 2011 verkündete Präsident Ben Ali in Folge der Massenproteste, die sich seit der Revolte von Sidi Bouzid über das ganze Land verbreiteten, dass er bei den nächsten Präsidentschaftswahlen (2014) nicht mehr kandidieren werde. Am 14. Januar 2011 verließ Ben Ali aufgrund der zunehmenden Massenunruhen fluchtartig das Land. Am selben Tag verkündete ein Regierungssprecher, dass die Regierung aufgrund der anhaltenden Proteste aufgelöst wurde. Es wurden außerdem Neuwahlen innerhalb eines Zeitraumes von sechs Monaten angekündigt.
Quelle zu Tunesien und Jemen: wikipedia
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Präsident Assad  war schlecht beraten und ließ gleich schießen. Inzwischen ist so viel Blut geflossen, dass eine Verhandlungslösung kaum noch möglich erscheint. - 


Die gute Nachricht:

Die Syrer haben sich stets als EIN Volk gesehen, es gab keine ethnischen oder religiösen Konflikte. Es gab auch bisher keine Anzeichen, dass es einen Bürgerkrieg geben wird. In Homs haben Sunniten und Alawiten friedlich zusammen gelebt, in christlichen Klöstern und Kirchen werden alle Verwundeten gepflegt, gesuchte Untergrundaktivisten finden dort Zuflucht und werden mit Medikamenten und Nahrung versorgt. Leider spielen einige westliche Kommentatoren wieder die ethnische Karte oder die islamistische Karte, indem sie z.B. von der "alawitischen Sekte" sprechen stand von der alawitischen Konfession (Würden diese Kommentatoren in Deutschland auch von der "evangelischen Sekte" sprechen?) - 

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Adopt a Revolution

Anfang dieses Jahres berichtete die taz ausführlich über den jungen Berliner Verein „Adopt a Revolution“, der sich die „Unterstützung des zivilen Widerstands und des Arabischen Frühlings“ in Syrien auf die Fahne geschrieben hat und dafür Hilfsgelder und Sachspenden sammelt. Bis Mitte Juli haben 1.793 „Revolutionspaten“ 197.302 Euro an den Verein überwiesen. 


Sonntag, Juli 15, 2012

Herr Buback, Frau Becker, die NSU und verdeckte Karten



1977: Drei Morde

Am 7. April saß der amtierende Generalbundesanwalt Siegfried Buback auf dem Beifahrersitz seines Dienstwagens. Auf dem Fahrersitz saß sein Fahrer Wolfgang Göbel, auf dem Rücksitz Georg Wurster, der Leiter der Fahrbereitschaft der Bundesanwaltschaft. Sie waren auf dem Weg von Bubacks Wohnung in Neureut zum Bundesgerichtshof. Der Mercedes wartete an einer roten Ampel. Rechts neben ihnen hielt ein Motorrad, Typ Suzuki GS750, mit zwei Personen, die olivgrüne Integralhelme trugen. Ohne von der Sitzbank abzusteigen, feuerte eine der Personen aus einem halbautomatischen Gewehr fünfzehn Schüsse auf den Mercedes ab. Alle drei Männer im Pkw wurden getroffen. Als der Fuß des Fahrers vom Bremspedal rutschte, rollte der Wagen an und fuhr einige Meter weit, bevor er gegen einen Pfosten stieß. Die Polizisten, die als Erste zum Ort des Geschehens kamen, glaubten daher zunächst an einen gewöhnlichen Verkehrsunfall. Buback und Göbel starben noch am Tatort, Wurster erlag am 13. April seinen Verletzungen. Zu der Tat bekannte sich kurz darauf ein „Kommando Ulrike Meinhof“. 

 


Quelle: wikipedia
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2012: Ein Urteil

Am 6. Juli  hat das Oberlandesgericht Stuttgart sein Urteil im Mordfall Siegfried Buback gesprochen: 

Wegen Beihilfe zum Mordanschlag auf den Generalbundesanwalt 1977 ist die frühere RAF-Terroristin Verena Becker zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt worden: Nicht wegen des Dreifachmordes von Karlsruhe, sondern eher wegen ihrer Mitgliedschaft in der RAF, der sog. "Roten Armee Fraktion". - 
Auch nach fast zwei Jahren Prozessdauer konnte das Gericht die drei Morde nicht aufklären. Ebenso die mögliche Verwicklung des Verfassungsschutzes. Das Attentat auf den Generalbundesanwalt vom 7. April 1977 bleibt ungeklärt. Was in den geschwärzten Akten steht, ist weiterhin Staatsgeheimnis.

Prof. Michael Buback,

 
Jahrgang 1945, Chemiker, Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback, war Nebenkläger in dem Prozess. Seine Spurensuche hatte den Prozess erst möglich gemacht. Er wollte endlich die Wahrheit wissen. Hat Verena Becker seinen Vater und dessen zwei Begleiter erschossen?
Michael Buback präsentiert zahlreiche Zeugen, die eine Frau auf dem Tatmotorrad gesehen haben, eine Frau als Schützin. Die Bundesanwaltschaft erklärt diese Augenzeugen für unglaubwürdig. Die Fronten im Prozess verschoben sich: Der Bundesanwalt Hemberger attackiert den Nebenkläger Buback - immer wieder. Buback wehrt sich. Die Folge: Die Verteidigung von Verena Becker konnte sich entspannt zurück-lehnen. Die Angeklagte selber schweigt.


Michael Buback sagt nach dem Urteil:

„Wir müssen leider konstatieren, dass die deutschen Ermittler und die deutschen Gerichte bisher nicht in der Lage waren, uns die Namen der Menschen zu nennen, die diesen 3-fachen Mord begangen haben. ...
Wir haben keine Strafe für Frau Becker verlangt, weil einfach nicht genug auf den Tisch gekommen ist."
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Und die NSU?

Der NSU ("nationalsozialistischer Untergrund") werden unter anderem die Neonazi-Mordserie in den Jahren 2000 bis 2006, das Nagelbomben-Attentat in Köln im Jahr 2004 und der Polizistenmord von Heilbronn im Jahr 2007 zugeordnet. Die Bundesanwaltschaft bezeichnet sie als „rechtsextremistische Gruppierung“, deren Zweck es sei, „aus einer fremden- und staatsfeindlichen Gesinnung heraus vor allem Mitbürger ausländischer Herkunft zu töten“.

Das Handeln von Verfassungsschutz und Polizei führte im Juli 2012 zur Demission des Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz sowie der Präsidenten des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz und des Sächsischen Landesamtes für Verfassungsschutz. Nachlässigkeiten, Aktenvernichtung, der Einsatz von V-Leuten, Ermittlungspannen und organisatorische Defizite werden im NSU-Ausschuss des Bundestages untersucht. 

 (Quelle: wikipedia)

Michael Buback:
   
"Ja, es zeigen sich leider beklemmende Parallelen in dem, was man jetzt dort unter diesen sogenannten NSU-Morden hört und sieht und dem, was jetzt in diesem Fall von Verena Becker aufgetreten ist. In beiden Fällen hat man gesehen, sind Akten vernichtet worden, also z.B. sind ja 160 Meter Spurenakten zum Buback-Fall und auch Ponto und Schleier sind ja 1995 vernichtet worden. Unbegreiflich. Es ist ein ganzes Auto verloren gegangen, der Fluchtwagen, in dem man DANN-Spuren hätte finden können. Es sind Verdächtige, z.B. Stefan Wisniewski ist vom Verfassungsschutz genannt worden als Karlsruher Schütze, gegen den sind keine Ermittlungen aufgenommen worden. - Wissen Sie, das sind so viele Parallelen, und deshalb bin ich auch etwas in Sorge…"

Bundesanwalt Hemberger,   
eigentlich der Ankläger gegen Verena Becker, reagierte im Prozess auf das Plädoyer von Michael Buback, nannte es eine "Unverfrorenheit", wie hier Beamte einer Straftat, nämlich der Rechtsbeugung, bezichtigt würden, und sagte dann:
"Jedes weitere Wort ist der Vortrag des Nebenklägers nicht wert."
Für Michael Buback und auch für Nebenkläger-Anwalt Matthias Rätzlaff, der den Bruder des ermordeten Generalbundesanwalts, Horst Buback, vertrat, steht Becker aufgrund der Indizien als Schützin auf dem Motorrad fest.                                                          Quelle: Kontext: Wochenzeitung

Michael Buback:


"Leider ist es ja so, dass die Experten, die jetzt nun meinen, dass sie sich über mich lustig machen sollten, dass die es nicht geschafft haben, in 35 Jahren nicht geschafft haben, die Tat aufzuklären. Auch das heutige Verfahren zeigt, dass die zuständigen Behörden nicht in der Lage waren, die Täter zu nennen.. Es sollte eigentlich denen, die jetzt über uns die Nase rümpfen, zu denken geben, dass ein Laie ich denke doch eine ganze Menge herausgefunden hat, was die Experten nicht geschafft haben, das steht ja fest. … Ich gehe fest davon aus, dass wir in einem Rechtsstaat leben; der wesentliche Gesichtspunkt ist, dass der Staat wohl selbst irgendwie involviert ist, und das ist heute auch im Prozess sehr klar geworden, der Senat geht auch davon aus, dass Frau Becker die Quelle war, die beim Verfassungsschutz ausgesagt hat, also dass Frau Becker mit dem Verfassungsschutz kooperiert hat."
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Wenige damals Beteiligte sprechen heute  offen wie der Polizist Faulhaber, der Verena Becker im Mai 1977 festnahm.

„Ich bin schon etliche Jahre in Pension, und das verfolgt mich immer noch, wenn man da so zwischen den Zeilen sieht, was da alles geschehen ist, und wie da Sachen unterschlagen wurden und gemauschelt wurde, da schäm ich mich, dass ich vierzig Jahr` bei diesem Staat gearbeitet hab`.“
Michael Buback und Polizist i.R. Faulhaber
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Der ehemalige Verfassungsschützer Winfried Ridder,  bestätigte in einem Kulturzeit-Interview in 3Sat, dass Verena Becker mit dem Geheimdienst zusammengearbeitet hat. - Vor Gericht jedoch durfte er es nicht wiederholen. 

„Da war eine so begrenzte Ausnahmegenehmigung, dass ich eigentlich weniger vor Gericht sagen darf als in der Öffentlichkeit.“
Es war ein Prozess mit verdeckten Karten...
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