Mittwoch, August 31, 2011

Ai Weiwei, China, Mao Zedong und die billigen chinesischen Arbeitskräfte

Ende August 2011:  
Ai Weiwei redet wieder 

PEKING rtr | Der chinesische Künstler und Dissident Ai Weiwei hat erstmals seit seiner Entlassung aus der Haft Ende Juni die Regierung der Volksrepublik öffentlich kritisiert. Im Internet warf er ihr vor, sie verwehre den Bürgern ihre Grundrechte. Ai bestätigte am Montag, dass die Äußerungen auf der Internetseite des Magazins Newsweek tatsächlich von ihm stammten.  ... 
Die Regierung gehe nicht genug gegen die wuchernde Korruption vor. Zudem bemängelte Ai das Rechtssystem und die Politik gegenüber den Wanderarbeitern.

"Jedes Jahr kommen Millionen nach Peking, um Brücken, Straßen und Häuser zu bauen. Sie sind Pekings Sklaven", empörte sich Ai. "Wem gehören die Häuser? Denen, die zur Regierung gehören, den Bossen der Kohlekonzernen, den Chefs der großen Firmen. Sie kommen nach Peking, um Geschenke zu verteilen - und das Ergebnis ist, dass die Restaurants und Karaoke-Bars und Saunen reich werden." 
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Sonntag, August 28, 2011

"Genialität" ist die schönste aller Diagnosen


"Kein Privatgymnasium ist zu teuer, kein Lernschwerpunkt zu ausgefallen, keine Sportart zu anstrengend, um nicht dem ewigen Eltern-Ehrgeiz untergeordnet zu werden: dem Wunsch, zur Elite zu gehören."  (vgl. swr2-forum). 

Zur Eitelkeit kann es auch gehören, das eigene Kind auf Teufel komm raus als Ausweis für seine hohe Intelligenz auf ein Gymnasium für Hochbegabte zu schicken, in das in Schwäbisch-Gmünd zum Beispiel. - Auch um damit später die Chancen im Beruf zu verbessern: "Ich habe mein Abi auf einer Schule für Hochbegabte gemacht."- "Ich bin Lehrer auf einem Gymnasium für Hochbegabte". (Da fällt doch etwas von dem Glanz auch auf die Lehrkraft :-)

Und "Genialität" ist die schönste aller Diagnosen, da gibt es eine Art Lichterkranz um das Haupt, und jeder schaut ein wenig hinauf nach oben. - Dabei "gibt" es gar keine "Hochbegabten", sondern das Wort ist ein Konstrukt, ein erfundener Name für die die 2% der TeilnehmerInnen, die bei Intelligenztests die höchste Punktzahl haben.  (Meistens haben die dann einen IQ von 130+). Doch, wie heißt es so schön: "Intelligenz ist, was der Intelligenztest gemessen hat".  

Wenn also die Intelligenztests anders konstruiert werden, dann werden manche TeilnehmerInnen auf einmal hochbegabt sein und andere über Nacht vielleicht nicht mehr. - Und wenn sich auf einmal alle Menschen beim Intelligenztest dumm stellen würden oder keine Lust mehr hätten, diese Tests auszufüllen, dann wären die Dummen, die es nicht gemerkt haben, plötzlich hochbegabt ;-).

TESTE dich selbst:
Ergänze den Satz:  "Unter den Blinden ist der Einäugige König. Und unter IntelligenztestteilnehmerInnen ist...."

Freitag, August 26, 2011

Schließt sich die EU der Türkei an?



 "Für mich und viele meiner Freunde war die EU immer ein Versprechen auf eine sozialere Gesellschaft. Wenn ich mir nun anschaue, wie innerhalb der EU gerade die sozial Schwachen die Folgen von Finanzkrise ausbaden müssen, frage ich mich, ob die EU wirklich noch ein soziales Projekt ist. Wenn die EU diese Erwartung nicht mehr einlösen kann, ist sie für mich uninteressant geworden." -  Sagt Saruhan Oluc, der seit vielen Jahren in der zersplitterten türkischen Linken die Fäden zieht.  Er ist nicht so sehr enttäuscht, dass der Beitrittsprozess nicht vorankommt.

Zeynep Taskin, die in der Stiftung des ermordeten armenischen Journalisten und Menschenrechtlers Hrant Dink arbeitet, sagt: "Die EU spielt doch für uns als Menschenrechtler schon lange keine Rolle mehr. Die Zeiten, als die EU Druck machen konnte und sich auch für Reformen in der Türkei eingesetzt hat, sind doch lange vorbei." Sie würde sich zwar freuen, wenn ein türkischer EU-Beitritt wieder aktuell würde, doch sie rechnet nicht mehr damit. "Beide Seiten tun doch schon lange nichts mehr dafür. Die EU ist in der Türkei ja schon fast in Vergessenheit geraten."

Der wichtigste Grund, warum Europa derzeit kaum noch eine Rolle spielt, ist aber nicht so sehr der Frust über die europäische Hinhaltetaktik, sondern die völlig veränderte ökonomische Situation. Anders als vor zehn Jahren, steht die Türkei heute nicht mehr als Bittsteller vor den Toren Europas. War das Land damals gebeutelt durch ökonomische Dauerkrisen und durch das schwere Erdbeben von 1999 mehr oder weniger am Boden, ist es heute der europäische Tigerstaat par excellence.

Seit 2002 hat die Türkei Wachstumsraten von rund 7 Prozent, die Inflation wird wirksam bekämpft, die Banken sind gesund und mit dem Großraum Istanbul hat das Land eine Trumpfkarte, die von einschlägigen Analysten derzeit zu einer der aussichtsreichsten Regionen weltweit gezählt wird. Brauchen wir da noch die EU?

Ausgerechnet in der Bild am Sonntag sagte kürzlich Daimler-Benz-Chef Dieter Zetsche: "Die Türkei hat alles, was wir an asiatischen oder südamerikanischen Staaten bewundern: eine junge Bevölkerung, die wissbegierig und leistungsbereit ist. Wir haben Fabriken in der Türkei, die Vorzeigewerke weltweit sind. Daraus ergeben sich riesige Wachstumspotenziale für ein behäbig gewordenes Europa"

(Quelle: taz vom 26.8.11) 

p.s.: Alternativ bietet sich ja auch noch der Anschluss der EU an Polen an. :-)




Montag, April 11, 2011

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Das beinhaltet das Bedürfnis allein zu sein.


Der Mensch ist ein soziales Wesen.
Das beinhaltet nicht nur, Gemeinschaft erleben zu wollen, sondern auch die an­dere Seite dazu gehört: das Bedürfnis allein zu sein.
Nicht alles und jedes kann im Beisein von anderen gelebt werden, jeder Mensch braucht zwischendurch Zeit und Raum für sich selber, sei es um nachzudenken, um etwas auszuprobieren, um bestimmte Erfahrungen zu machen, oder um sich über etwas klar zu werden - die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen.

Raum und Zeit für sich allein zu haben, ist unentbehr­lich, auch in einer Partnerschaft, und sei sie noch so innig und liebevoll. Oft wird versäumt, das offen anzusprechen und sich gegenseitig diesen Raum zu gewähren, sei es aus Angst, den andern zu kränken, oder aufgrund der un­realistischen Vorstellung, Partnerschaft bedeute absolute Zweisamkeit. Doch unerfüllte Bedürfnisse nach Allein­sein machen - paradoxerweise - einsam und entfremden die Partner voneinander.

Menschen, die allein leben, kommen im Alter schlechter zurecht als solche, die mit anderen zusammenleben - be­haupten die Experten. Ich wage das zu bezweifeln. Es hat wohl beides Vorzüge und Nachteile, und ob jemand sich mit der einen oder mit der anderen Lebensform besser zu­rechtfindet, hängt von vielen Faktoren ab: von der Lebens­geschichte, von individuellen Vorerfahrungen, persönli­chen Wesenszügen, Prägungen und Präferenzen, um nur einige zu nennen.

Allein leben ist nicht die schlechteste Lebens­form, sie hat - wie alles im Leben - ihre guten und ihre schlechten Seiten.
Ich zum Beispiel lebe gern allein. Ausgesucht habe ich es mir nicht. Es hat sich so ergeben - eine Trennung, ein frü­her Tod -, ich musste mich früh daran gewöhnen. Am An­fang fiel es mir sehr schwer, doch mit der Zeit merkte ich zu meinem Erstaunen, dass diese Lebensform auch manches für sich hat.
 



Eine banale Erfahrung, aber doch ein »Schlüsselmoment« ganz zu Anfang, als ich noch damit haderte, allein leben zu müssen: Ziemlich niedergeschlagen saß ich beim Frühstück, griff lustlos nach der Zeitung, um mich abzulenken - und merkte plötzlich, wie gemütlich es ist, beim Frühstück in Ruhe die Zeitung zu lesen. Das wäre mir früher nicht im Traum eingefallen, obwohl beim Frühstück eigentlich niemand gesprächig gestimmt war. Auf einmal überkam mich inmitten meiner traurigen Grund­stimmung ein Glücksgefühl, das diesem nichtigen Anlass über­haupt nicht angemessen war. Doch er hat mir die Augen geöffnet.


Alte Bäume wachsen noch. Neue Erfahrungen in späten Lebensjahren.

Nach: Marlis Pörtner, *1933:Alte Bäume wachsen noch. Neue Erfahrungen in späten Lebensjahren.Klett-Cotta 2010. 

Allmählich dämmerte es mir: „Später“ – das war jetzt.
Jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Jetzt konnte ich die Veränderungen noch selber in die hand nehmen und nach meinen Wünschen gestalten. Diese Erkenntnis war ein Schock.


Neulich beim Zähneputzen kam mir auf einmal ein Ge­dicht in den Sinn, das ich vor vielen Jahren geschrieben habe:

Einen Weg gehen
ankommen
und merken
der Aufbruch
beginnt
erst jetzt

Das trifft genau, worum es in diesem Lebensabschnitt geht: sich nicht an irgendetwas festklammern, nicht meinen, es sei jetzt etwas geschafft, und das werde so bleiben - vielleicht wird es das und vielleicht nicht.

Die bereits an anderer Stelle zitierte Formulierung des Psychoanalytikers Erik H. Erikson »Sein, was man gewor­den ist« meint auch: nicht an der Vergangenheit kleben, sondern jetzt leben.
Man kann es auch anders sehen: Veränderungen fordern uns heraus, beleben uns, rufen schlummernde Kräfte wach und erweitern den Horizont. Veränderungen, selbst unlieb­same, bringen uns weiter - wenn wir bereit sind, uns mit wachen Sinnen auf sie einzulassen.

Für alles, was er im Alter verliere, gewinne er etwas hin­zu,
erklärte kürzlich der siebzigjährige Regisseur Peter Stein in einem Radio-Interview.
Beschwerden und Beeinträchtigungen des Alters sind nur die eine Seite der Medaille. Wenn wir unseren Blickwinkel ändern, werden wir auch ihre andere Seite. Den Blickwinkel ändern heißt nicht: wegschauen, sondern im Gegenteil: genauer hinschauen, um verschiedene Seiten altersbedingter Veränderungen wahrzunehmen: die schmerzlichen und die hoffnungsvollen. Dann erkennen wir, dass dieser Lebens­abschnitt nicht nur Verlust mit sich bringt, sondern auch überraschende Entwicklungsmöglichkeiten bereithält. Den Blickwinkel ändern heißt nicht, die Beschwernisse und Un­annehmlichkeiten des Alters und die damit verbundenen Gefühle verdrängen, sondern ihnen ins Auge sehen, sie an­nehmen und versuchen, so gut wie möglich mit ihnen zu leben.

Sonntag, Februar 20, 2011

60 plus - und die Aufgabe von jung und alt

Das Älterwerden hat seinen eigenen Sinn und birgt in sich seine eigene Herausforderung: 

Die Aufgabe des jungen Menschen ist es, in die Zukunft zu blicken, sich auf das Leben vorzubereiten und sein Leben aufzubauen. Auch der ältere oder alternde Mensch hat die Aufgabe, in seine Zukunft zu blicken, über seine Zukunft nachzudenken, sich auf seine Zukunft vorzubereiten. Bei beiden wird am Ende der Zukunft der Tod stehen; das haben die Menschen aller Rassen und aller Religionen und aller Altersgruppen gemeinsam, und das eint sie. Es ist ihr gemeinsames Schicksal. -   Auch wenn die konkreten Vorbereitungen auf die jeweilige Zukunft der verschiedenen Altersstufen sich naturgemäß unterscheiden.  C.G. Jung meint, es sei eine Perversion der Kultur, wenn sich die Alten wie die Jungen gebärden und meinen, sie müssten die Jungen an Arbeitseifer und Leistung übertreffen.

Der Psychoanalytiker C. G. Jung schreibt:
 »Es ist [für den älteren Menschen] ebenso neurotisch, sich nicht auf den Tod als ein Ziel einzustellen, wie in der Jugend die Phantasien zu verdrängen, welche sich mit der Zukunft beschäftigen.« 
 »Dem Seelenarzte erscheint der Alte, der sich vom Leben nicht trennen kann, ebenso schwächlich und krankhaft wie der Junge, der es nicht aufzubauen vermag. 
Und tatsächlich handelt es sich in vielen Fällen um dieselbe kindliche Begehr­lichkeit, dieselbe Furcht, denselben Trotz und Eigensinn im einen wie im anderen Falle. 
Ich bin als Arzt überzeugt, dass es sozusagen hygienischer ist, im Tode ein Ziel zu erblicken, nach dem gestrebt werden sollte, und dass das Sträuben da­gegen etwas Ungesundes und Abnormes ist, denn es beraubt die zweite Lebenshälfte ihres Zieles.« 

Und ähnlich der Dichter Hermann Hesse:
»Ohne dieses Ja, ohne die Hingabe an das, was die Natur von uns fordert, geht uns der Wert und Sinn unsrer Tage - wir mögen alt oder jung sein - verloren. Und wir betrügen das Leben.«

Der älter werdende Mensch steht in einer seltsamen Spannung dazwischen: 

Der Theologe Karl Rahner:  
»So sind wir Alten in einer seltsamen, einmaligen Spannung stehend zwischen einem Mut des diesseitigen Lebens und der Hoffnung des ewigen Lebens. 
Wir leben noch, also müssen wir noch weiterzuleben suchen. Gewiss brennt unser hiesi­ges Lebenslicht allmählich kleiner und niedriger und zittert oft ängstlich. Gewiss haben wir diesbezüglich nur begrenzte Möglichkeiten und brauchen uns nicht illusioniert vorreden, wir könnten den alten Schwung des Lebens weiter bewahren, wenn wir nur wollen. Diesbezüglich gibt es hohle Parolen ("Man ist so alt, wie man alt sein will"), die man sich nicht an­quälen sollte, sondern ehrlich und nüchtern zur Abnahme seiner Lebenskraft in allen Dimensionen (auch des Geistes) sich bekennen. Aber man lebt eben doch noch und sollte das Leben, das einem noch geblieben ist, wirklich leben und aus­füllen wollen.«


Es geht für mich, sagt Anselm Grün in seinem Buch "Die hohe Kunst des Älterwerdens" darum, ja zu sagen zu dem, was sich mir in den Weg stellt, daran nicht zu zerbrechen, sondern nur die Illusionen zerbrechen zu lassen, die ich mir vom Leben gemacht habe. Zunehmende Beschwerden des Alltags, Krankheit, Schwächerwerden des Körpers und des Gedächtnisses: All das zerbricht uns hoffentlich nicht, sondern es zerbricht nur eine Illusion, die wir uns vielleicht vom Leben gemacht haben: Für mich ist es eine wichtige spirituelle Aufgabe, immer mehr ja zu sagen: zu meiner Endlichkeit und Begrenzt­heit, zum Abnehmen meiner Kräfte (und letztendlich zum Ster­ben).
 
Ich weiß, sagt Grün mit 62 Jahren, wie leicht es ist, vom Annehmen und Loslassen zu sprechen. Aber wenn ich konkret eine Aufgabe loslassen soll, merke ich selbst, wie schwer es mir fällt. Da tauchen genügend Gedanken in mir auf, die mich daran hindern: Das kommen Zweifel hoch, ob es die anderen wohl gut genug machen oder ob meine spirituelle Richtung weitergeht, wenn ich nicht mehr da bin. Dies alles sind berechtigte Überlegungen. Doch sie hindern mich letztlich, all das, was ich aufgebaut habe, loszulassen und mein Zurücktreten und Nichtmehrgefragtsein anzunehmen.

Zwei Bilder für die Lebensalter:

 (nach Anselm Grün)

1. Jahreszeiten:
Der Frühling - die Kindheit und Jugend - habe sein aufblühendes Leben, der Som­mer -das Erwachsenenalter - seine sonnigen Tage. Das Alter sei dagegen wie der Herbst in seiner Schönheit. Auch der Herbst ist schön. Er ist geprägt durch die wunderbaren Herbstfarben, durch die Milde des Sonnenlichts und durch das Feiern der Ernte, das Genießen der Gaben der Schöpfung.

Während des Berufslebens und in der Arbeit kann man vieles nicht wahrnehmen. Im »Herbst« des Lebens geht es darum, das Schöne zu schauen und zu genießen. Statt zu leisten, genügt es, einfach da zu sein. Aber so, wie der Herbst Neues in der Schöp­fung hervorbringt, so ist es auch die Aufgabe im Alter, Neues zu probieren.
Aber der Herbst kann auch von nega­tiven Erfahrungen geprägt sein. Da gibt es die Herbststürme, die Bäume entwurzeln und uns das Vertraute nehmen.  
Zur Kunst des Altwerdens gehört es, den Herbst in seiner Schön­heit, aber auch in seiner Rauheit anzunehmen.

2. Ein anderes Bild für das Alter ist das des Traubenstocks:  
Die Früchte, die im Herbst am Wein­stock hängen, tun nichts mehr. Sie setzen sich einfach nur der Sonne aus und reifen, bis sie geerntet und für andere zu einer Quelle der Freude werden.
Der alte Mensch muss nichts mehr leisten, er muss sich nicht durch Leistung Anerkennung ver­schaffen. Er ist einfach da. Allerdings zeigt der Weinstock auch, dass dies kein passives Dasein ist. Er hat. ja noch den inneren Trieb, der ihn am Leben hält. So wird das Alter dann fruchtbar, wenn der alte Mensch das, was in ihm ist, ausdrücken kann: in Worten, in Erzählungen oder in Bildern oder Musik. Künstler wie Pablo Picasso und Marc Chagall oder Musiker wie Pablo Casals oder Sergiu Celibidache haben bis ins hohe Alter den Reichtum ihrer Seele zum Ausdruck gebracht und damit zahl­reiche Menschen beglückt.

Viele alte Menschen haben der Welt Wichtiges zu sagen. Doch die meisten haben kein Forum, vor dem sie es zur Sprache bringen und ausdrücken können. Wenn alte Menschen das, was in ihnen an echtem Reichtum liegt, thematisieren können und wenn sie dabei Zuhörer oder Betrachter finden, dann gelingt die hohe Kunst des Älterwerdens.

Buchtipp
Irvin D. Yalom, In die Sonne schauen. Wie man die Angst vor dem Tod überwindet.


Sonntag, September 07, 2008

Pakistan. Wir haben die Shalimar-Gärten angelegt...


Aus: Moshin Hamid, "Der Fundamentalist, der keiner sein wollte".


Der knapp 30-jährige Pakistaner Changez, der in Princeton einen hervorragenden Abschluss gemacht hat, arbeitet zunächst bei einer der führenden Unternehmensberatungen in New York. In seiner Heimat Lahore, der pakistanischen 8-Millionen-Stadt in der Nähe zur indischen Grenze, spricht der redselige Changez einen namenlosen Amerikaner an und lädt ihn zum Essen auf dem Alt-Anarkali-Bazar ein:

"Vielleicht weil es uns gegenwärtig an Reichtum, Macht oder auch nur - ungeachtet gelegentlich hervorragender Leistungen unseres Kricket-Teams - sportlichem Ruhm mangelt, wie es unserem Status als dem Land mit der sechstgrößten Bevölkerung entspräche, legen wir Pakistanis auf unser Essen außerordentlichen Wert. Hier in Alt-­Anarkali besteht er in der Reinheit der dargebotenen Kost; kein einziger dieser würdigen Gastwirte würde es auch nur in Erwägung ziehen, ein westliches Gericht auf die Speisekarte zu setzen. Nein, wir sind vielmehr um­geben von Kebab vom Lamm, dem Tikka vom Huhn, dem gedämpften Fuß der Ziege, dem scharf gewürzten Hirn des Schafs! Das, Sir, sind Köstlichkeiten des Jägers, Köstlichkeiten, durchtränkt von einem Hauch Luxus und wollüstiger Hingabe. Wir haben nichts übrig für die vege­tarischen Rezepte, die man jenseits der Grenze im Osten findet, auch nicht für das sterilisierte, behandelte Fleisch, das in Ihrer Heimat so verbreitet ist! Hier sind wir nicht so zimperlich, wenn es darum geht, uns den Folgen unse­res Appetits zu stellen.

Denn wir waren nicht immer mit Schulden belastet, von ausländischen Leistungen und von Almosen abhän­gig; in den Geschichten, die wir über uns erzählen, sind wir nicht die wahnsinnigen und verarmten Radikalen, die Sie auf Ihren Fernsehkanälen sehen, sondern Heilige und Dichter und - jawohl - siegreiche Könige. Wir haben die Königliche Moschee erbaut und die Shalimar-Gärten in dieser Stadt angelegt, wir haben das Lahore-Fort errichtet, mit seinen mächtigen Mauern und der breiten Rampe für unsere Kampfelefanten. Und als wir das alles erschufen, war Ihr Land noch eine Ansammlung kleiner Kolonien, die am Rande eines Kontinents sein fristeten.

Aber ich werde schon wieder laut und bereite Ihnen zudem erhebliches Unbehagen. Bitte entschuldigen Sie; es war nicht meine Absicht, grob zu sein."

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Pakistan: Ein Land verzweifelt.

Nun schein Pakistan einen echten "Schurken" zum Präsidenten zu bekommen. Das macht aber nichts, denn er ist "unser Schurke", wie ein amerikanischer Präsident einmal über einen anderen Präsidenten zu sagen pflegte: Asif Ali Zardari, Ehemann der ermordeten Benazir Bhutto, wird neuer Präsident Pakistans. Er gilt als korrupt. Zardari, ein Mann, dem die Pakistaner den Spitznamen "Mister 10 Prozent" gegeben haben, weil er sich während der beiden Regierungszeiten seiner Frau schamlos an Staatsaufträgen bereichert hat; der elf Jahre in pakistanischen Gefängnissen saß, wegen Anklagen wie Mord, Korruption und Erpressung. Zardari ist im Moment so unbeliebt wie nie zuvor. Zardari hatte sich zuvor geschickt und mit dem Segen der US-Regierung seines Vorgängers Musharrafs entledigt...


Sonntag, August 31, 2008

Getötete Bundeswehrsoldaten: Kriegs-Gräber-Fürsorge.

Fast täglich beklagt "der Westen" neue Tote in Afghanistan. Es ist gut, dass die Toten beklagt werden, und es wäre gut, wenn "der Westen" nicht nur seine eigenen Toten beklagen würde, sondern alle Menschen, die in Afghanistan durch diesen Kriegseinsatz sterben müssen. Oder ist es ein Friedenseinsatz? Oder Aufbauhilfe? (siehe auch die Posts vom 27. Oktober und 3. November 2006 in diesem Blog).

In den letzten 14 Tagen traf es zehn französische Soldaten, wenige Tage vorher wurden drei kanadische und US-amerikanische Helferinnen ermordet, später traf es drei Polen, am Montag einen Dänen, Ende August den 29-jährigen Hauptfeldwebel der Bundeswehr, der auf eine Mine fuhr. Kurz darauf töteten Bundeswehrsoldaten eine afghanische Frau und zwei Kinder an einem Kontrollpunkt...
Seit Beginn des Bundeswehreinsatzes 2002 sind nun (offiziell) 28 deutsche Soldaten der internationalen Afghanistan-Schutztruppe ISAF getötet worden. - Deutschland stellt mit derzeit 3280 Soldaten in Afghanistan das drittgrößte Kontingent; das derzeitige ISAF-Mandat der Bundeswehr läuft am 13. Oktober 2008 aus, die Bundesregierung beabsichtigt, das Mandat um 1.000 Soldaten auf 4.500 zu erhöhen und um 14 Monate bis nach der Bundestagswahl 2009 zu verlängern. Mehr Soldaten, das bedeutet auch: Mehr Tote. Auf beiden Seiten. - (Nicht mitgezählt werden übrigens die Toten des deutschen Kommandos Spezialkräfte KSK aus Calw, denn dessen Auftrag und Einsatz sind geheim, nicht einmal alle Bundestagsabgeordneten werden über deren Engagement wirklich informiert.) -

Laut Hilfsorganisationen wurden bei Kämpfen und Anschlägen in Afghanistan allein in diesem Jahr bereits mehr als 3000 Menschen, darunter rund 1000 Zivilisten getötet. Sterben in Afghanistan gehört zum bitteren Alltag. Offizielle Zahlen gehen von einer Steigerung der Zwischenfälle gegenüber 2007 um 40 Prozent aus. Und dieser Trend wird sich nach einem Urteil des Berliner Verteidigungsministeriums 2009 fortsetzen.

Nach Auffassung des Wehrbeauftragen Robbe (SPD) soll der deutsche "Staat für die langfristige Sicherung der Pflege der Gräber zuständig sein". Es sei wichtig, das Andenken der bei Friedens-Einsätzen umgekommenen Soldaten hochzuhalten. Damit schließt sich Reinhold Robbe der Forderung des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge an: Es könne nicht sein, dass der Tod eines Soldaten zu einem "Berufsunfall" herabgesetzt werde. - Stobbe spricht ausdrücklich von Soldaten, die bei Friedens-Einsätzen ums Leben gekommen sind. Russland spricht von seinen Truppen, die derzeit in Georgien stationiert sind, ebenfalls von Friedens-Truppen. Der Volksbund spricht von Kriegs-Gräbern, dafür ist er zuständig. Sonst müsste man den Bund umbenennen in Volksbund Deutscher Friedensgräberfürsorge. Oder?

Freitag, August 15, 2008

Georgien 08

"Glauben Sie wirklich, Sie können den Geist des Widerstands, die Sehnsucht nach einem Frieden, der nicht auf Staatsterror und Militarismus aufgebaut ist, sondern auf wirtschaftlicher Gerechtigkeit [...] auslöschen?"
(Dorothee Sölle in ihrer Verteidigungsrede vor Gericht im April 1986, angeklagt wegen gewaltfreier Sitzblockade vor einem Raketen-Depot in Mutlangen)




Präsident Saakaschwili

  • Hatte am 7. August 2008 eine Offensive gestartet, um das seit 1992 abtrünnige Süd-Ossetien zurück zu gewinnen, die Folge war eine russische Intervention,
  • Gilt als sprunghaft und emotional,
  • bezeichnete den jetzigen Premier Russlands Putin als "Liliputin", was die Freundschaft zwischen beiden nicht gerade vertiefte,
  • bezeichnet die Regierung Abchasiens mal als "Hyänen, die sich in den Regierungsgebäuden verschanzt haben", mal als "Unsere Brüder in Abchasien",
  • bezeichnet die Regierung in Südossetien mal als "Banditen", mal als "Unsere Brüder in Südossetien",
  • liebt George W. Bush und nennt ihn "Leuchtturm der Demokratie",
  • liebt sich selber und die Medien, spricht fließend Englisch mit amerikanischem Akzent, weil er mal Anwalt in Manhattan war, weswegen ihn wiederum die amerikanischen Medien lieben,
  • liebte eine Mitarbeiterin so sehr, dass sie ein Kind von ihm bekam, was seine niederländische Frau Sandra gar nicht mochte, so dass sie eine Zeit lang nebst Kindern zurück in die Niederlande ging, bis er sich entschuldigt hatte,
  • liebte die hübsche Frau des Präsidenten von Aserbaidschan so sehr, dass Präsident Ilham Alijew erst mal zornig die Grenze zu Georgien schloss, bis sich Saakaschwili entschuldigt hatte,
  • liebte erst seinen Ziehvater Eduard Schewardnadse, stürzte ihn aber Ende 2003,
  • zementierte seine Macht im Januar 2008 mit einer massiv manipulierten Präsidentschaftswahl,
  • regiert als Autokrat, knebelte die Medien und machte sich die Justiz untertan,
  • rüstete mit massiver Hilfe der USA seine Armee auf, um die Rückeroberung von Abchasien und Südossetien vorzubereiten, die sich für unabhängig erklärt hatten,
  • verstärkte dort auch die Aktivitäten seines Geheimdienstes, so dass z.B. die International Crisis Group schon länger vor einem Krieg gewarnt hatte,
  • ließ seine Armee durch US-Offiziere trainieren,
  • wollte durch seinen Überfall eventuell den Westen zum militärischen Eingreifen in Georgien gegen Russland nötigen, weil ihm Georgien bisher noch nicht schnell genug in die EU und die NATO durfte,
  • lief aber vielleicht auch in eine Falle, die ihm Russland gestellt hatte, um militärisch in Georgien eingreifen zu können - man weiß es noch nicht so genau...,
  • will "bis zum Ende kämpfen, bis der letzte russische Soldat Georgien verlassen hat".
  • ...
Russland

  • hat einen Premier, der Saakaschwili persönlich ebenso wenig liebt wie dieser ihn,
  • ärgert sich schon lange, weil der Westen ihm nun auch noch die Ukraine und Georgien abspenstig machen will, nachdem die meisten westlichen Staaten gerade erst (im Februar 2008) die völkerrechts-widrige Abspaltung Kosovos von Serbien anerkannt hatten und Russland schon viele andere Staaten zuvor verloren hatte,
  • ärgert sich, weil die USA ihm in Polen mit dessen Duldung Raketen vor die Haustür setzen wollen und setzen werden, schön-geredet als "Raketen-Abwehr-Projekt",
  • ärgert sich, weil der Westen systematisch Ölleitungen baut, die nicht mehr unter seiner Kontrolle stehen,
  • sagte nun in Georgien: "jetzt reicht`s",
  • sitzt an einem ziemlich langen Hebel, weil es Gas z.B. nach Georgien, in die Ukraine und auch nach Westeuropa liefert,
  • betrachtet den Kaukasus als seinen Einflussbereich - leider betrachtet Präsident George W. Bush den Kaukasus ausdrücklich auch als US-amerikanischen Einflussbereich,
  • will verhindern, dass Georgien Südossetien und Abchasien erneut überfallen kann und will deshalb vor einem Rückzug aus Georgien die militärische Infrastruktur Georgiens dementsprechend zerstören,
  • hat an Abchasen und Südosseten seit langem großzügig russische Pässe ausgegeben, so dass es nun mit Recht sagen kann, dass in diesen Ländern russische Staatsbürger durch Georgien bedroht wurden; die meisten der 250.000 Abchasier haben einen russischen Pass,
  • möchte evtl. gerne Abchasien unter Kontrolle haben, weil es nur durch den Fluss Psou von Sotschi getrennt ist, der beliebten russischen Bade-, Kur- und Konferenzstadt, in der 2014 die Olympischen Winterspiele ausgetragen werden sollen,
  • ...
Abchasien
  • wurde von Stalin dessen Heimat Georgien zugeschlagen,
  • strebte seit langem wieder nach der Unabhängigkeit von Georgien und hat schließlich nach einem langen Bürgerkrieg 1998 seine Unabhängigkeit von Georgien erklärt; (Georgien selber hatte sich 1992 für unabhängig erklärt); die Unabhängigkeit Abchasiens ist international nicht anerkannt,
  • wird in seinen Unabhängigkeits-Bestrebungen von Russland unterstützt,
  • hat einen großen Anteil an Georgiern in seiner Bevölkerung, die Mehrheit hat aber einen russischen Pass,
  • lebt vom Anbau von Südfrüchten, Tee und Tabak,
  • ...
Südossetien

  • wurde von Stalin seiner Heimat Georgien einverleibt, Nordossetien aber der Sowjetunion,
  • ist etwa so groß wie Mallorca, hat 70.000 EinwohnerInnen, und der größte Teil des Landes liegt mehr als 1000 m über dem Meeresspiegel,
  • galt schon im 19. Jahrhundert als enger Verbündeter des damaligen Russlands, 90% der Bevölkerung hat (inzwischen) einen russischen Pass,
  • hat seit 1989 mehrfach seine Unabhängigkeit von Georgien verkündet, es gab in den letzten 17 Jahren immer wieder Kämpfe gegen Georgien mit hunderten von Toten,
  • wurde - natürlich erst nach dem Zerfall der Sowjetunion - von Russland in seinen Unabhängigkeits-Bestrebungen unterstützt,
  • ist international nicht als Staat anerkannt,
  • hat nach einem Waffenstillstand von 2004 offiziell und unter UN-Mandat russische Friedenstruppen im Land,
  • ...
Und was steckt dahinter?
Der Streit in Georgien ist Teil eines globalen Kampfes um Gas und Öl.

Nach Andreas Zumach, Publizist, Experte auf den Gebieten des Völkerrechts, der Sicherheitspolitik, der Rüstungskontrolle und internationaler Organisationen, in den 1980er Jahren war er Sprecher des bundesweiten Koordinierungsausschusses der Friedensbewegung:
  • "Der Westen" (Washington, Paris und Berlin, aber auch Warschau oder Vilnius) trägt eine erhebliche Mitverantwortung für die Eskalation, die zu dem heißen Krieg auf dem Kaukasus geführt hat.
  • Das Drehbuch für diesen Krieg wird bereits seit Anfang der 90er Jahre geschrieben. Nach dem Zerfall des Warschauer Paktes und der Sowjetunion nahm der Westen vorübergehend die Vision des sowjetischen Reformpräsidenten Michail Gorbatschow vom "gemeinsamen Haus Europa" auf.
  • Die "Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" (OSZE) solle zum "Herzstück der europäischen Architektur werden" hieß es in der "Charta für ein neues Europa", die 1990 in Paris von den Staats-und Regierungschefs aller 54 Mitgliedsstaaten der (damals noch) "KSZE" feierlich verabschiedet wurde. - Jedoch: Es blieb bei der Rhetorik.
  • Tatsächlich haben die westlichen Regierungen seitdem systematisch die NATO gestärkt und sie nach Osten bis an die Grenzen Russlands ausgedehnt, während sie die OSZE verkommen ließen.
  • Statt Moskau mittels der OSZE in Europa einzubinden, wurde das Land mit einer Statistenrolle abgespeist und immer mehr in die Ecke getrieben.
  • Der Konflikt um die georgischen Provinzen Abchasien und Südossetien und die Rechte der dort lebenden Minderheiten wäre längst gelöst, wäre er nicht Teil eines großen Energie-Pokers zwischen den USA, Russland und der EU im Kaspischen Becken (und ebenso auch in Zentralasien).
  • Dieser Poker begann, als sich die großen Ölkonzerne der USA nach dem Ende der Sowjetunion weitreichende Zugriffs- und Erschließungsrechte an den Öl- und Gasreserven in den zentralasiatischen Ex-Republiken der UdSSR sicherten - zumeist mittels Bestechung der autokratischen und diktatorischen Regierungen dort.
  • Sämtliche US-amerikanischen und europäischen Pipeline-Projekte zum Transport dieser Reserven, die seit Mitte der Neunzigerjahre geplant - und inzwischen zum Teil realisiert - wurden, haben alle eines gemeinsam: Sie führen - anders als die einst wichtigste sowjetische Pipeline von Aserbaidschans Hauptstadt Baku am Kaspischen Meer nach Noworossisk am Schwarzen Meer - nicht über russisches Territorium.
  • Die Pipeline von Baku (am Kaspischen Meer in Aserbaidschan) nach Supsa (am Schwarzen Meer in Georgien) führt durch Georgien, an Russland vorbei, befindet sich in der Hand von BP (früher: "British Petroleum") und wurde trotz der internen und externen Konflikte des Landes gebaut. Dafür betreiben die USA seit Jahren die militärische Aufrüstung Georgiens und seinen Beitritt zur Nato. (u.a. nach taz 15.8.08)