Samstag, September 03, 2016

Ist das Projekt Europa bereits museumsreif? 2016 stand die Wiesbaden-Biennale unter dem Titel "This is not Europe"

In Brüssel wird gerade ein neues MUSEUM gebaut: Das Haus der Europäischen Geschichte.


Quelle

Durch das Haus wird beabsichtigt, alle zur Verfügung stehenden Mittel – (Dauerausstellung/ Wechsel- und Wanderausstellungen/ Sammlung von Gegenständen und Dokumenten, die für die europäische Geschichte stehen/ Bildungsprogramme/ Kulturveranstaltungen/ Veröffentlichungen/ Online-Inhalte) – für ein besseres Verständnis der europäischen Geschichte und Integration einzusetzen. Es wird sich in Brüssel, in unmittelbarer Nähe der europäischen Institutionen befinden. [Quelle]

Der belgische Regisseur Thomas Bellinck meint: 
Wenn man ein Museum von etwas baut, dann weiß man doch: Der Tod steht gerade vor der Tür. Die EU selber baut sich ihr eigenes Museum in Brüssel.

Bellinck, Jahrgang 1983, erzählt,  er habe jüngst auf dem Pariser Flughafen zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder eine Passkontrolle bei einer innereuropäischen Reise erlebt:
"Die Wiederkehr der Grenzen." Erst wenn man etwas verloren hat, das freie Reisen ohne Grenzen, merkt man, wie wichtig es war.

In seiner Ausstellung auf der Biennale in Wiesbaden, (die zuvor u.a. auch in Brüssel, Athen, Wien zu sehen war) und eine Parodie auf das Haus der europäischen Geschichte in Brüssel sein soll, schaut man aus der Zukunft zurück auf ein verstaubtes und untergegangenes Europa, das es dann so nicht mehr gibt. Man sieht Fundstücke in Abstellkammern, die weggeräumt wurden, weil sie keiner mehr braucht. (siehe unten, das Schengen-Schild).
"An den sozialen Gegensätzen ist die Gemeinschaft zerbrochen."


An der Wand eines Gerichtssaals hängen in der Ausstellung unzählige Original-Visitenkarten von Lobbyisten, Abgesandten der großen Konzerne, die in Brüssel Einfluss auf die Politik der EU nehmen wollten und nahmen; jetzt sitzen sie hier im aal symbolisch auf der Anklagebank: Die Vormacht ihrer ökonomischen Firmen-Interessen habe die EU getötet.
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Ortswechsel. Von Brüssel und Wiesbaden
nach Italien und Südfrankreich.



In Ventimiglia betreibt das Rote Kreuz ein Lager für Flüchtlinge. 
Sie hatten versucht, über das Mittelmeer und Italien weiter in die Schweiz zu reisen oder nach Frankreich. Denn die Schweiz lässt wohl auch Asybewerber gar nicht mehr in Land hinein berichten einige Flüchtlinge. Sie werden unbefragt an der Grenze abgewiesen und probieren es nun über Frankreich.

»610 Menschen sind heute hier untergebracht. Teilweise sitzen die Bewohner seit Jahren in Italien fest, teils sind sie erst wenige Tage im Land. Die Zahl im Lager sei nur „stabil“, weil die Polizei immer wieder Busladungen mit Flüchtlingen zurück in den Süden des Landes bringe, sagt das Rote Kreuz. Trotzdem versuchen immer wieder Flüchtlinge auch hier über die Grenze zu gelangen. Schwimmend oder zu Fuß. Entweder halten die Italiener sie auf oder die Franzosen.

Neun Minuten braucht der Regionalzug bis ins französische Menton Garavan. Jetzt, am späten Nachmittag, stehen dort am Bahnhof Mannschaftswagen der französischen Nationalpolizei CRS. Die Männer postieren sich vor jeder Tür, bevor der Zugführer sie öffnet. Mit Sonnenbrillen und Schlagstöcken gehen sie in den Zug, zwei durch das obere, zwei durch das untere Stockwerk von jedem Waggon. Sie werden diesmal nicht fündig. Nach ein paar Minuten rollt der Zug weiter Richtung Nizza.
Es ist der Tod Schengens auf Raten. Der EU-Kommission gelingt es nicht, die Einhaltung der EU-Verträge durchzusetzen, es gibt keine kollektive Regelung für das Flüchtlingsproblem. Als erstes Land hatte Deutschland letzten September wieder Grenzkontrollen eingeführt. Österreich, Dänemark, Schweden und Norwegen folgten, noch bis November 2016. Frankreich hat gar bis 2017 verlängert.
Ausstellungsraum auf der Biennale
in Wiesbaden
„Alle haben ein anderes System“, sagt einer der Afrikaner in der Bar gegenüber der Grenzpolizei von Chiasso. „Die Deutschen, die Belgier, die Schweiz, die Franzosen, die Italiener. Aber am Ende läuft es für uns immer auf das Gleiche hinaus: Wir sitzen im Gefängnis oder auf der Straße. Er fragt: „Hast du eine Zigarette?“«  [Quelle und ganzer Text]

Freitag, September 02, 2016

"Wenn Unterdückung von Frauen von Frauen praktiziert wird"

I.
So könnte man es sehen, wenn bestimmten Frauen,  also z.B. Mädchen, die mit einem Kopftuch in die Schule kommen wollen, das Betreten der Schule durch andere Frauen, speziell solchen, die sich als Feministinnen und Vertreterinnen von Frauenrechtem verstehen,  untersagt wird  oder untersagt werden möchte. 


 Um 1980: Die Lila Latzhose als Symbol der Frauenbewegung
Keusche Mode in Deutschland

Natürlich ist das gut gemeint. 
Es ist ja nur zu deren Besten. Um sie vor der Unterdrückung zu schützen ... Wir wissen schon, was gut für dich ist.
Irgendwie eine patriarschalische Verhaltensweise durch (alt-?) feministische Frauen....
Und schwarze Pädagogik, scheinbar emanzipatorisch... ?
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II. 
Deborah Feldman
Produktbeschreibung

"Schon am Tag als "Unorthodox" in den USA erschien (2012), führte dieser aufrührende autobiografische Bericht schlagartig die Bestsellerliste der New York Times an und war sofort ausverkauft. Wenige Monate später durchbrach die Auflage die Millionengrenze. Die amerikanische Presse erklärte den Erfolg von Deborah Feldman und ihrem Buch so: Noch nie hat eine Autorin ihre Befreiung aus den Fesseln religioser Extremisten so lebensnah, so ehrlich, so analytisch klug und dabei literarisch so anspruchsvoll erzahlt.
In der chassidischen Satmar Gemeinde in Williamsburg, New York, herrschen die strengsten Regeln einer ultraorthodoxen jüdischen Gruppe weltweit. Die Satmarer, wie sie sich seit ihrer Gründung nach dem Zweiten Weltkrieg nennen, sehen im Holocaust eine von Gott verhängte Strafe. Um eine Wiederholung der Shoa zu vermeiden, führen sie ein abgeschirmtes Leben nach strengen Vorschriften. Sexualität ist ein Tabu, Ehen werden arrangiert, im Alltag wird Jiddisch gesprochen, Englisch gilt als verbotene, unreine Sprache. Nach Schätzungen zählt die Gemeinde heute 120.000 Mitglieder, denen sie ein Netz an Sicherheit gewährt - ohne jegliche Freiheit.
Deborah Feldman hat schon als Kind Anstoß an der strikten Unterwerfung unter die vom Gründungsrabbiner der Sekte aufgestellten Lebensgesetze genommen, an der Ausgrenzung, der ärmlichen Lebensweise und der Unterordnung der Frau." Quelle

Das Interssante für mich: Was sie über diese jüdische Sekte erzählt, gleicht sehr dem, was wir von den islamischen Sekten (Salfisten, Wahabiten, sog. "Islamischer" Staat...) hören: Sexualfeindlichkeit, Verhüllung des Körpers der Frau, Patrirachat...
Und Frau Feldmann betont in Interviews, dass das, was sie in ihrer jüdischen Sekte erlebt hat, in allen Religionen zu finden ist, im Islam, aber auch im Christentum.
Es hat also nichts mit dem Islam zu tun oder mit dem Judentum oder mit dem Christentum. Sondern mit bestimmten findamentalistischen Vorstellugen, die sich unter dem Deckmantel ihrer Relegion zu legitimieren versuchen.
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III.
Und nun wird es noch komplizierter:


Keusche jüdische Bademode: Ellbogen und die Knie sollen bedeckt sein,
das Oberteil hoch abgeschlossen und die Haare (eigentlich) verdeckt.

Also eigentlich können sich ja Juden und Muslime aktuell oft nicht ausstehen.
Vermutlich wegen des Konlikts zwischen (meist) islamischen Palästinensern und (meist) jüdischen Israelis in Israel/Palästina.
Das hat nichts mit Religion zu tun, denn beide gehören ja, wie auch das Christentum, zu den sog. abrahamitischen Religionen. Sondern mit der Politik der israelischen Regierung.

Das Grab Abrahams in Hebron

Interessant:
Fundamentalistische! Juden&Jüdinnen nebst fundamentalistischer MuslimInnen begegnen sich in der KleiderOrdung.

Keusche jüdische Bademode
Quelle
Frage an Miachal Siv (Die 48-jährige ehemalige Kostümbildnerin vermarktet keusche Bademode für fromme Jüdinnen über die Webseite www.csuta.com):
  • Was unterscheidet den Burkini von den keuschen Bademoden für fromme Jüdinnen?
  • Beim Burkini müssen Kopf und Nacken verdeckt sein. Diese Nuance macht für mich den ganzen Unterschied aus.  Nach der Halacha müssen Ellbogen und die Knie bedeckt sein, das Oberteil hoch abgeschlossen und die Haare verdeckt.
    Viele Frauen kaufen aber auch Modelle mit kürzeren Ärmeln und Tights. Manche fragen mich, ob das geht. Die schicke ich zu ihrem Rabbi. Das muss der entscheiden.
Der Unsinn in ihrer Begründung:

Michal Siv:
Die Diskussion ist schrecklich chauvinistisch, ganz egal aus welcher Richtung argumentiert wird. Ich empfinde es als eine Art chauvinistische Liberalität, wenn ein Politiker meint, dass eine Frau, die einen Burkini trägt, unfrei sei. Das Thema ist der Körper der Frau. Sie allein entscheidet, was sie trägt und was nicht.
Ja. So kann man/frau es noch sehen: Die Frau entscheidet selber, was sie trägt.

Aber Frau Siv schränkt ein:




Michal Siv:
Wenn religiöse Gründe dafür vorliegen, also die Halacha oder auch wenn muslimische Regeln vorschreiben, wie sich die Frau zu kleiden hat, dann kann darüber nicht gestritten werden. Es geht nicht um unsere Meinung, sondern Gott entscheidet darüber. So ist es jedenfalls nach Auffassung frommer Juden und Muslime. Diese Mode ergibt sich aus unserem Glauben.
Es mag von außen oft so erscheinen, dass die Frauen benachteiligt werden im orthodoxen Judentum. Ich empfinde es genau umgekehrt. Ich bin heute viel weniger sexuelles Objekt, denn der Körper der Frau ist hier nicht mehr das Thema. Ich verhülle meinen Körper, damit er nicht Thema wird. Quelle
Das ist aus theologischer Sicht grober Unfug, dass Gott entscheidet, wie der Badeanzug auzusehen hat. Darauf ist an dieser Stelle nicht näher einzugehen.



Christliche Sekte in Kanada und USA: Die Hutterer

Donnerstag, September 01, 2016

Man sollte den "IS" nicht "Islamischer" Staat nennen. - Denn IS ist die Antithese zum Islam. - "Was glaubt ihr denn?"

Quelle


Zum Thema ISLAM auf diesem Blog schon viel gesagt,
ich glaube in 18 Posts kommt er - der Islam -vor. (Danach kann man nach Bedarf suchen im Suchfeld dieses Posts oder des Blogs...)

Der "Islamische" Staat ist eine Mogel-Packung:
Okay:
Anders werden das natürlich (auch) diejenigen sehen, die sowieso Feind jeglicher Religion sind und sich daher - klammheimlich natürlich - darüber freuen können, wenn ein Terrorist, der sich "islamisch" nennt, mal wieder jemand de Kopf abhackt oder ein Bubi sich mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft sprengt, weil mal ihn dazu gezwungen hat - oder ihm erzählt hat, dass er umgend im Paradies wieder auferstehen wird oder er es einfach prima findet, dass er groß in den Schlagzeilen kommen wird, wenn er vor seinem Amoklauf oder Suizid noch schnell " allahu akbar" ruft, einen Selfie macht, den in einem "Sozialen" Netzwerk hochladen kann und auf diese Art dann auch wieder irgendwie unsterblich wird und in die Geschichte geht. - Die armen Adoleszenten, die das noch nicht konnten, weil es weder IS noch Facebook gab, und so ziemlich einsam und allein vom Hochhaus springen mussten.
Okay: Goethes Junger Werther ausgenommen.
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Eine Alternative wäre es zum Beipsiel, 
den IS "Daesh" zu nennen, oder auch "sogenannter Islamischer Staat". - Schließlich hat man auch die DDR über Jahrzehnte hinweg "Sogenannte DDR" genannt. - Geht doch, wenn man nur WILL. - Ginge doch, wenn man nur wollte. - Warum will "man" also nicht?

Gibt es aber jetzt immerhin sogar schon bei Amazon: Amazon Daesh-Button. (Oder so ähnlich).

Quelle
Die Organisation
nannte sich bis Ende Juni 2014 „Islamischer Staat im Irak und in Syrien, [...]  auch als „… in der Levante“ oder „… in Großsyrien“ übersetzbar).  Als namenspolitisch motivierte Fremdbezeichnung wird die aus den arabischen Anfangsbuchstaben abgeleitete und im arabischen Sprachgebiet verbreitete, eher negativ konnotierte Abkürzung Daesch, auch in den Schreibweisen Daesh, Da'ish bzw. Daaish,  inzwischen auch in anderen Sprachen verwendet. Das Wort erinnert an andere arabische Begriffe, die etwa für „Zwietracht säen“ oder „zertreten“ stehen. Damit soll der im Islam positiv konnotierten Eigenbezeichnung der Organisation bewusst entgegengetreten und eine direkte Assoziation mit dem Islam vermieden werden. Seit Ende Juni 2014 nennt sich die Organisation nur noch Islamischer Staat. [wikipedia]
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Das Buch von Björn Bicker 

 wurde 1972 geboren und studierte Literaturwissenschaft, Philosophie und Allgemeine Rhetorik in Tübingen und Wien. Danach arbeitete er am Wiener Burgtheater. Von 2001 bis 2009 war er als Dramaturg an den Münchner Kammerspielen engagiert. Seit 2009 arbeitet er als freier Autor, Künstler und Kurator. Er schreibt Prosa, Theaterstücke, Hörspiele und Essays und hat viel beachtete theatrale Stadtprojekte entwickelt, die sich mit Gegenwart und Zukunft der europäischen Einwanderungs-gesellschaft beschäftigen.
Er lebt in München.
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Das ChorWerk Ruhr 89 von Björn Bicker

URBAN PRAYERS RUHR

Eine Produktion der Ruhrtriennale 2016
Auss einer ausgedehnten Recherche im religiösen Leben des Ruhrgebiets entsteht ein Stück. 

Woran glauben die Menschen in Essen, Duisburg, Bochum, Hamm oder Dortmund?  

Welche Sprache versteht ihr Gott? Welche Kirchen, Gebetsräume, Moscheen, Tempel besuchen sie? Glauben sie, dass ihr Glaube Privatsache ist? Glauben sie, dass ihr Glaube politisch ist? Glauben sie an die Freiheit der Anderen? Was denken die Gläubigen über ihre nichtgläubigen NachbarInnen und umgekehrt?
Das Stadtraumprojekt der Ruhrtriennale fragt nach dem Religiösen im sozialen und politischen Kontext der Städte.
Es spricht der Chor der gläubigen BürgerInnen. Doch kaum fängt einer an zu reden, da fällt ihm der andere schon ins Wort. Der Chor findet keine gemeinsame Sprache und doch ist es ein Chor, der ein Gegenüber kennt: die Nicht-Gläubigen. Globalisierung, Migration und der gleichzeitige Verlust religiöser Bindungen haben aus unseren Städten Orte der religiösen und weltanschaulichen Vielheit gemacht. 

Muslime, Buddhisten, Hindus, Sikh, Juden sowie christliche Glaubensgemeinschaften  
aus der ganzen Welt – Pfingstler, Evangelikale, Katholiken, Protestanten und Orthodoxe – machen das Ruhrgebiet zur religiösen Megacity.
URBAN PRAYERS RUHR wird mit fünf SchauspielerInnen und mit ChorWerk Ruhr an sechs heiligen Orten im September 20126 im Ruhrgebiet aufgeführt. Quelle und mehr.
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Clash of Civilisation = Wettstreit um die meisten guten Taten
 
Ein Gespräch mit Björn Bicker:
"Den einen Islam gibt es nun einmal nicht,
er ist nicht so strukturiert wie das Christentum. Es bringt nichts, darüber zu jammern, dass man nicht zu dem einen Bischof gehen kann, sondern mit zwölf verschiedenen Gesprächspartnern Kontakt aufnehmen muss. Aber diese Mühe, uns mit anderen Religionen und Kulturen zu beschäftigen, muss uns die Einwanderungsgesellschaft wert sein. Es ist ein andauernder Prozess, die Lösung kann nur im permanenten Aushandeln liegen. Das ist der Markenkern einer Einwanderungsgesellschaft.

Dabei geht es um Chancengleichheit und Gerechtigkeit. 

Aber wie könnte das klappen? Ich glaube fest an die uralte Kontakthypothese der Soziologen: Sobald man sich kennenlernt und einander häufiger begegnet, verlieren sich die Unterschiede, man wird sich sympathisch.
 

Der Imam Benjamin Idriz hat mir das sehr klug erklärt. Er sagte, interreligiöse Gespräche seien zum Scheitern verurteilt, weil man nach zwei Minuten nur noch über Unterschiede spricht. Er schlägt vor, miteinander Fußball zu spielen, und wenn man sich dann angefreundet hat, kann man auch über Religion reden. - 
Mich faszinierte bei der Recherche zum Beispiel, dass viele Religionen einen starken antikapitalistischen Impuls haben. 

Sie sind ein Gegenentwurf zu dem Wahnsinn der Selbstoptimierung, der derzeit überall zu erleben ist. Glaube schafft, dass wir uns angenommen fühlen, die Botschaft ist: Du bist gut, wie du bist. Glaube ist meistens auch Anstiftung zu Solidarität. [...] Dazu heißt es etwa in einer Koransure sinngemäß: Wenn Allah die Vielfalt nicht gewollt hätte, hätte er sie nicht geschaffen. Und dann folgt eine Aufforderung, zum Wettstreit um die meisten guten Taten." [Der ganze Text: In der taz vom 31. August 2016] 
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Gewollte Vielfalt im Islam

„…einander ähnlich und unähnlich“



(Sure 5:142)

Es ist ein großes Verdienst des Propheten Muhammad, dass er von vornherein keinen Unterschied im Umgang mit anderen Menschen gemacht hat.
Besonders zu erwähnen ist die Gleichwertigkeit der Frauen gegenüber den Männern, welche im 7. Jahrhundert nicht selbstverständlich war (Sure 4:19). Gleiches gilt für den Umgang mit Menschen anderer Hautfarbe, sowie eines anderen sozialen Rangs. Auch suchte er zu seiner Lebenszeit prinzipiell gute Beziehungen zu Juden und Christen, wandte sich mit seiner Verkündigung auch an sie und schloss Verträge mit ihnen für ein gutes Zusammenleben.

    „Und unter Seinen Zeichen sind die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Hierin sind wahrlich Zeichen für die Wissenden" (Sure 30:22)
 „O ihr Menschen, Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, auf dass ihr einander erkennen möget…" (Sure 49:13)
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Sonntag, August 28, 2016

Scham beim Baden. Es gibt sie noch. Von Unterhosen, Jogginghosen und Burkini.

Ein Freibad in Berlin Neukölln am Columbia-Damm.

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung schrieb im Jahr 2014 einem sehr schönen, humorvollen und lesenwerten Artikel über dieses "Columbia-Bad", angeblich "das berüchtigste Freibad Deutschlands". (Naja.): >>>

Leseprobe:
Die Normalität ist hier krass.

Ein Bademeister-Kollege sagt, er habe sogar den Koran gelesen. Passt mal auf, sagt er und geht zu der verschleierten Dame, die im Wasser steht.
  •  Jute Frau, wat machen Sie im Wasser?
  • Wieso, man darf hier doch mit Burkini baden!
  • Dit mein ick nich.
  • Meinen Sie wegen Ramadan? Ich schlucke das Wasser nicht.
  • Ick rede vom Koran.
  • Was wissen Sie denn vom Koran?
  • Ick habe den jelesen. Da steht: Eine Frau soll nich im selben Wasser baden wie ein Mann. Ick sehe aber viele Männer in diesem Becken.
Der Kollege grinst zufrieden. Man muss die mit ihren eigenen Waffen schlagen, sagt er.
Die Normalität ist hier krass. 
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Der Burkini ist nicht das Problem. 

Aus der Hausordnung:
  • In den Schwimmbädern ist von allen Badegästen Badekleidung zu tragen. Textilfreie Bademöglichkeiten werden besonders bekanntgegeben.
  • Bitte waschen Sie sich vor Benutzung unserer Einrichtungen und legen Sie dazu die Badebekleidung ab.
Der Burkini ist nicht das Problem.
Im Bad am Columbiadamm sagen die Bademeister per Lautsprecher Ja zum Burkini, Aufregerkleidungsstück der Woche. „Das Baden ist nur in Badebekleidung jestattet“, hört man aus dem Lautsprecher. Es folgt die Liste der jestatteten und vorjeschriebenen Badekleidung:
  1. Badehose oder
  2. Bikini oder
  3. Badeanzug oder
  4. Burkini.

Und die Bademeister sagen auch, welche Kleidungsstücke tatsächlich problematisch sind: „Jogginghosen sind keine Badebekleidung!“ Quelle: a.a.O. 

Dreharbeiten zum Film "Tod in Venedig" -
Bademoden anno 1911. Quelle
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Schade, dass diese Bademode für Herren aus der Mode ist. - Manch einem Mann in mittleren und reiferen Jahren würde sie sicher auch gut stehen. - Mir zum Beispiel.

Flüchtlinge in deutschen Schwimmbädern:  

"Manchmal falsche Kleidung und einige Nichtschwimmer":
Wie badet man richtig?
Schwimmen ist in Ländern wie Irak und Syrien kein Schulsport: Deshalb kann ein Teil der Flüchtlinge nicht schwimmen. Auch die Badeordnung will gelernt sein. Die Bäder hier haben sich auf die neuen Gäste eingestellt. 

Die deutschen BademeisterInnen berichten, dass auch viele Flüchtlinge sich genieren, nackig unter der Dusche im Bad zu stehen und sich "überall" öffentlich abzuseifen. - Die Lösung: Mann lässt die Unterhose an. - Und wenn dann im Bad selber Badebekleidung vorgeschrieben ist und die Unterhose verboten, dann bleibt manchmal nur die Jogginghose.-

Das Dilemma der Männer:
  • Wenn ich nackt dusche, schämen ich mich.
  • Wenn ich in Unterhose duschen und/oder in der Unterhose schwimmen, dann schämen sie sich auch (keine tolle adidas oder speedo-Marken-Badehose wie die Anderen).
  • Scheinbarer cooler Ausweg: Schwimmen in der coolen Jogginghose. 
Bekannt ist, dass "der Amerikaner" prüde ist:
"Während der und die Deutsche"  - außer in der Pubertät - meistens kein Problem haben, im hallenbad nackt unter der Dusche zu stehen und ganz nackig in die Sauna gehen, lässt "der Amerikaner" in der Sauna die Badeshose an. (Wie ist das eigentlich in der Dusche? - Lässt er sie dort auch an?)

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Scham in Latein-Amerika
Vor einigen Jahren in Mittelamerika in der Entwicklungshilfe: Um den Bauern und Bäuerinnen - die meisten katholisch oder evangelikal - aus den Bergen eine Freude zu machen, fuhren wir zusammen auf der Ladefäche eines LKWs an die Küste des Pazifik. Zum Baden. Diese Menschen waren fleißig, aber arm. Natürlich hatte niemand eine Badehose. Natürlich ziehen sich Männer und Frauen nicht in der Öffentlichkeit aus. - Was tun, wenn man/frau trotzdem zum ersten Mal im Leben wenigsten ein Stück weit ins Meer will? Man geht in voller Montur mit langer Hose, Unterhose, Oberhemd, Kleid ... bis zu den Knien ins Meer und planscht und bespritzt sich halb jauchzend, halb beschämt...


Nicht alle Menschen in der Welt haben sich wohl die Scham mit der Scham abgewöhnt. -
  • Ist das nun gut so oder schlecht so? 
  • Wer hat zu viel Scham - und wer zu wenig? 



Vielleicht ist es sowieso wichtiger, Hunger und Armut abzuschaffen, als den Burkini im Freibad und am Strand?
Deutschlands Haupt-Problem ???
Quelle: taz-Titelseite
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Sonntag, August 21, 2016

Es geht nicht Orient gegen Okzident und nicht Islam gegen Christentum. - clash of civilization

Warum nicht?
Weile der Liebe Gott (oder die Natur oder ...) die Arschlöcher (Pardon!) auf der Welt gleichmäßig verteilt hat. Man findet sie in jedem Land, in jeder Religion usw. - Und umgekehrt: Zu jeder Zeit und in jedem Land und in jeder Religion finden sich Versuche, Regeln für ein gutes und ethisches Zusammenleben der Menschen zu finden.
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Islam und Vielfalt
Frau Gümüsay ist mir persönlich nie begegnet, ich weiß nicht, was sie für ein Mensch ist. Aber ich weiß, dass ich ihre Artikel sehr gerne lese und dass sie zu den Themem Religion(en)/ Frauen/ Männer/ Feminismus/ Solidarität/ Auklärung ... viel und Gutes zu sagen hat.

Zum Beispiel:
"Seit einigen Jahren sprechen muslimische Frauenrechtlerinnen aus der Mitte der muslimischen Gemeinschaften vermehrt in der Öffentlichkeit und setzen sich zugleich für ihre innermuslimische (aber auch gesamtgesellschaftliche) Vielfalt ein – 
  • für die praktizierenden, 
  • die nicht praktizierenden, 
  • die Kopftuch tragenden, 
  • die Minirock tragenden, 
  • die kulturell lebenden, 
  • die gläubigen, 
  • die ehemals gläubigen, 
  • die fast gläubigen, 
  • die modischen, 
  • die akademischen, 
  • die beschwipsten, 
  • die nüchternen, 
  • die queeren, 
  • die straighten Musliminnen."
"Starke Frauen
und unkonventionelle Vorreiterinnen im Islam gibt es durchgehend seit der frühen islamischen Geschichte. Zwei Beispiele von Frauen um den Propheten Mohammed:
  • Khadidscha, die erste Person, die den Islam annahm, war eine erfolgreiche und selbstständige Geschäftsfrau, 15 Jahre älter als der Prophet und mit mehreren Kindern aus vorhergehenden Ehen.
  • Bild und Text-Quelle:
    taz vom 20.8.2016
  • Oder Umm Salama – sie ging als politisch weise, sich ihrer Position als Frau in der arabischen Gesellschaft des 6./7. Jahrhunderts bewusst und gleichzeitig dagegen ankämpfend in die – von Männern produzierten! – Annalen ein.
Bis heute gibt es inspirierende islamische Vordenkerinnen, die keine Kontroverse scheuen und den Islam als Grundlage dafür nutzen, patriarchale Strukturen zu hinterfragen und neu zu denken. Besonders die akademische Auseinandersetzung mit den religiösen Hauptschriften – dem Koran und den Hadithen – aus einer feministischen Hermeneutik heraus hat in den letzten Jahrzehnten die wohl wichtigsten und innovativsten Impulse innerhalb eines islamischtheologischen Rahmens hervorgebracht."

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Exkurs: Frauen in der katholischen Kirche

Quelle für Text und Screenshot
DIE WELT vom 2.8.2016 schrieb:

»Am Montag [1.8.2016] berichtete "Radio Vatikan", der Papst habe eine neue Gelehrtenkommission ins Leben gerufen. Sie soll untersuchen, welche Rolle weibliche Diakone in früheren Zeiten in der Kirche gespielt haben. Dass Franziskus die Frage nach Diakoninnen prüfen lassen will, hatte er bereits, völlig überraschend, im vergangenen Mai angekündigt;
[...] bevor Franziskus über die Einführungen von Diakoninnen nachdenkt, lässt er nun eben erst einmal Beispiele für Diakoninnen der Vergangenheit sammeln. Das Muster bewährt sich seit Jahrhunderten. Es hilft den Konservativen, sich mit dem Wandel anzufreunden, und den Reformern, ernst genommen zu werden. [...] Das Gremium ist mit hochrangigen Theologen besetzt. Aus dem deutschsprachigen Raum sind die Wiener Professorin Marianne Schlosser sowie Karl-Heinz Menke, emeritierter Professor der Uni Bonn, dabei. Leiter wird die Nummer 2 der Glaubenskongregation, der spanische Erzbischof Luis Ladaria

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Papst Franziskus lässt in seiner Kirchgeschichte suchen - Islamische Feministinnen suchen in ihrer Geschichte:



"Dies belegen neben den Arbeiten der
  • US-amerikanischen Theologin Amina Wadud
  • auch jene am Korantext von der
  • Amerikanerin Ayesha S. Chaudhry,
  • der türkischen Wissenschaftlerin Hidayet Şefkatli Tuksal
  • oder der Ägypterin Omaima Abou-Bakr,
  • der Aktivismus einer Hind Makki
  • oder die Arbeit an historischen Biografien weiblicher Muslime von Asmaa Sayeed.
Diesen Arbeiten ist gemein, dass sie nicht nur akademische Grundlagen formulieren, sondern immer auch muslimische Frauen in ihrer Identität als Musliminnen stärken.

Auch in Deutschland gibt es zahlreiche Organisationen und Initiativen wie
  • das Aktionsbündnis muslimischer Frauen oder
  • das Zentrum für islamische Frauenforschung und Förderung.
Seit Jahren leisten diese Institutionen ebenso wie viele Frauen wichtige Arbeit auf akademischer und theologischer Ebene. Um nur einige zu nennen:
auf aktivistischer Ebene
Dabei sind sich keineswegs alle islamischen Feministinnen in allen Punkten einig."
[Quelle: a.a.O.]
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Exkurs: DIE BIBEL in gerechter Sprache

Bildquelle

Die Frauen und Männer, die bei der „Bibel in gerechter Sprache" Hand angelegt haben, wollten u.a. in der Übersetzung darauf achten, den Ton der Bibel weiblicher (und jüdischer) als in der Luther-Übersetzung, in der Zürcher Bibel oder in der katholischen Einheitsübersetzung klingen zu lassen.
Sie wollen auch die verborgenen, verzerrten, verlorenen Stimmen von Frauen in der Bibel selbst zu Gehör bringen - mit dem überlieferten Bibeltext und notfalls auch gegen ihn. [mehr dazu

Die Bibel in gerechter Sprache ist eine Übersetzung der biblischen Schriften aus den ursprünglichen Sprachen (griechisch und hebräisch) ins Deutsche. Sie wurde in den Jahren 2001 bis 2006 von 40 weiblichen und 12 männlichen Bibelwissenschaftlern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erarbeitet und erschien offiziell zur Frankfurter Buchmesse 2006. Die Bibel in gerechter Sprache ist sowohl theologisch als auch sprachlich umstritten. Während sie einigen als sinnvolle Ergänzung der bisherigen Übersetzungen gilt, sehen viele andere – darunter der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) – das Ergebnis sehr kritisch. [wikipedia

Mit anderen Worten: Auch die christlichen Frauen (und Männer) haben es mit diesem ihren Anliegen nicht leicht gehabt.
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Die muslimischen Frauen (und Männer) haben es jedoch noch schwerer.
Kübra Gümüsay [a.a.O.]

»Muslimische Communities in Deutschland und muslimische Frauen im Speziellen stehen in all ihren innerreligiösen Prozessen mit dem Rücken zur Wand.
Muslimische Frauenrechtlerinnen und Feministinnen – es gibt im Übrigen selbstverständlich auch Männer – sind es gewohnt, dass MuslimInnen, die eine patriarchale Auslegung des Islams aufrecht zu erhalten versuchen, das reiche historische Erbe an starken Frauen ausschweigen und Koranverse, die die Gerechtigkeit und Gleichheit unter den Geschlechtern feststellen, nur eingeschränkt gelten lassen wollen. [...]
Dabei kämpfen diese Frauen ohnehin an (mindestens) zwei Fronten:
  1. Innerhalb der Gemeinden gegen frauenfeindliche Auslegungen des Islam;
  2. in der Mehrheitsgesellschaft gegen die plumpe Narrative des patriarchalen, sexistischen und gewalttätigen Islam.
Auf beiden Seiten geht es darum zu beweisen, dass der Islam in seinen Grundzügen eine Basis für Gerechtigkeit aller Menschen bieten kann.
Ähnlich ist es bei christlichen Feministinnen.
Antje Schrupp, feministische Publizistin, sagt: „Hätten christliche Feministinnen unter dem gleichen öffentlichen Druck gestanden wie muslimische, wäre die ‚Bibel in gerechter Sprache‘ womöglich nie erschienen.“ «
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Das goldene Zeitalter des Islam

Der Zeitraum zwischen dem 8. und dem 13. Jahrhundert
wird gerne als das „goldene Zeitalter des Islam“ betrachtet.

Das war das Zeitalter des großen kulturellen Aufschwungs in der Philosophie, Naturwissenschaften, Baukunst, Medizin, Sprach- und Geschichtswissenschaften, der zu einer Blüte der Islamischen Welt führte. Genau in dieser kulturellen Blütezeit der islamischen Welt, liegen die Wurzeln des muslimischen Überlegenheitsgefühls gegenüber dem Westen, der sie mit Stolz erfüllt. Während den Kreuzzügen trafen die Kreuzfahrer auf eine Zivilisation, die ihnen weit überlegen war. Dann verschob sich das Gleichgewicht zu Gunsten der Europäer und die islamische Welt erstarrte in alten Traditionen, bis sie ab Mitte des 19. Jahrhunderts, mit einem überlegenen Westen konfrontiert wurden." [Quelle]

Am Rande: Das Schicksal der islamischen Kultur ist in diesem Punkt vergleichbar mit dem der chinesischen Kultur.
Auf dem Flipchart sieht man die Namen einiger islamischer (männlicher) Theologen, die in der islamischen Theologie das gleiche Schicksal erlitten haben wie die katholischen Befreiungs-Theologen in der katholischen Kirche. Der clash of civilisation und der clash of religions verläuft hier nicht zwischen diesen islamischen Theologen (aus Iran, Marokko, Arabien...) und den christlichen aus Südamerika, Europa und den USA, sondern innerhalb der islamischen Tradition, innerhalb der christlichen Tradition, innerhalb des Orients und innerhalb des Westens.



Montag, August 08, 2016

Zauberland ist abgebrannt. - Die EU, Rio Reiser, Konrad Adenauer und Carlo Schmid.

Zum Buch
Die Urgroßväter der EU
und die Politiker, die nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs den Kontinent befrieden und einigen wollten, hatten eine Vision.

"Sie wollten nicht das Paradies auf Erden, nicht die klassenlose Gesellschaft, das gewiss nicht. Aber sie wollten sehr Konkretes":

·       "Wohlstand für die Völker" (Konrad Adenauer),
·       ein Europa "der sozialen Gerechtigkeit" (Carlo Schmid).


So schreibt es zumindest der deutsche Journalist  Arno Luik (Jahrgang 1955). - Ob diese Zitate so stimmen und woher sie genau stammen, weiß ich nicht. Nehmen wir mal an, das haben die beiden, also Konrad und Carlo so gesagt - und auch so gemeint.

Als die Europäische Union dann gegründet wurde, 
zunächst mal als "Europäische Wirtschaftgemeinschaft" (EWG), da war ich noch einiges jünger.
"Die Anfänge der EU gehen auf die 1950er Jahre zurück, als zunächst sechs Staaten die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) gründeten. Eine gezielte wirtschaftliche Verflechtung sollte militärische Konflikte für die Zukunft verhindern und durch den größeren Markt das Wirtschaftswachstum beschleunigen und damit den Wohlstand der EU-Bürger steigern" [wikipedia
Quelle

Ich selber habe in Erinnerung, dass im Zusammenhang mit der EU damals oft von einem
"Europa der Monopole" 
gesprochen wurde, ich weiß aber nicht mehr, wann das genau war. Und bei Google ist dieses Stichwort offenbar auch verloren gegangen oder verloren gegangen worden: Ich kann es dort nicht finden.
Gemeint war damit:  
Ziel der EWG und später der EU sei bei den Veträgen von 1951/1957/1992/2007
  • eben gerade nicht "Wohlstand für alle Völker" 
  • und schon gar nicht "ein Europa der sozialen Gerechtigkeit", 
  • sondern Wohlstand für alle großen Konzerne Deutschland und Frankreichs, 
freier Kapital-Verkehr durch eine Währung für alle beteiligten Länder, grenzenloser Geldfluss und grenzenlose Fluss für benötigte Arbeitskräfte, freie Fahrt für LKWs und ihre Waren über die europäischen Binnengrenzen.

Und so geschah es.

Dabei fiel auch etwas für die Normal-Bevölkerung ab. 
Nach der Pferde-Spatz-Theorie:

Franz Marc 1908/09
Wenn man die Pferde, die Konzerne, ordentlich füttert, dann kommt hinten für die Spatzen automatisch auch genug heraus:
Gute Löhne, Freie Fahrt in den europäischen Urlaub, keine Staus an den Grenzen, der Eurostecker für Fön und Rasierer passt überall...
 Die BürgerInnen waren es lange Zeit zufrieden. 

"Eine Häufung ungelöster Probleme bestimmt die EU-Agenda dann in der 2010er Dekade. Mit der Eurokrise, der Flüchtlingskrise ab 2015 und dem britischen Austrittsvotum durch Referendum im Juni 2016 steht die weitere Entwicklung der Europäischen Union auf neue Weise grundsätzlich in Frage." [wikipedia a.a.O]  _____________________________________________________


Franz Marc, Der tote Spatz, 1905

Aber: Der Spatz spielt nicht mehr mit. 
Zumindest nicht in Griechenland, Spanien, Porugal, wo die Pferde zwar immer fetter werden, aber immer mehr Spatzen vom Himmel stürzen.
Im reichen Deutschland verhungern die Spatzen noch nicht, die ärmsten unter ihnen bekommen noch Brotsamen vom Staat, die Zeitarbeit, HartzIV und so ähnlich heißen - man fühlt sich relatib sicher, aber auch die gut ernährten Spatzen bekommen es so langsam und mehr und mehr mit der Angst zu tun, dass auch sie einmal hungrig vom Himmel fallen könnten und auf die Brosamen des Staates angewiesen sein werden. Weil die Pferde offenbar doch nicht so automatisch funktionieren: Die Spatzen wählen AfD in Deutschland, steigen in England aus der EU aus (Brexit), in Griechenland versuchten sie den Aufstand (Syriza ...).

Zauberland ist abgebrannt. Der Traum von Carlo und Konrad ist vörläufig aus.

"Ich hab geträumt, der Winter wär vorbei
Du warst hier und wir waren frei.
Und die Morgensonne schien.
Es gab keine Angst und nichts zu verlier'n,
Es war Friede bei den Menschen und unter den Tier'n.
Das war das Paradies.

Ref.: Der Traum ist aus.
Der Traum ist aus.
Aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird.

Ich hab geträumt, der Krieg wär vorbei.
Du warst hier, und wir waren frei.
Und die Morgensonnen schien.
Alle Türen waren offen, die Gefängnisse war'n leer.
Es gab keine Waffen und keine Kriege mehr.
Das war das Paradies."
(T/M Misha Schöneberg & Ralph Christian Möbius alias Rio Reise um 1990)
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Der Bericht von Gert Möbius aus diesen Tagen erinnert mich an die heutige Situation:

Deutschland Ende der 1980er Jahre
In der Bundesrepublik hab es kaum noch große Demonstrationen. Jeder kochte mittlerweile sein eigenes Süppchen. Nicht aber im Osten. Da brodelte es schon.
 

Von dort, aus der DDR, bekamen Ton-Steine-Scherben, die es als Band gar nicht mehr gab, und Rio Reiser, die jahrelang von der DDR-Führung nicht akzeptiert, aber von vielen Fans in ihrem Land erwünscht worden waren, plötzlich durch die FDJ [Frei Deutsche Jugend] die Anfrage, 

Zwei Konzerte am 1. und 2. Oktober 1988 in der Werner-Seelenbinder-Halle zu bestreiten.

Diese Halle (sie wurde nach der Wende abgerissen) fasste um die 6000 Zuschauer. Und sie war an beiden Tagen ausverkauft. Außerdem sollte das Konzert zeitversetzt vom Fernsehen übertragen werden. Tatsächlich nahmen das DDR-Fernsehen und der Radiosender DT64 die Konzerte auf, und wir [Brüder Möbius] haben im Jahr 2000 dieses einmalige Dokument aus der Vorwendezeit sowohl in Bild und Ton als auch als DVD und CD des Labels MöbiusRekords einem breiten Westpublikum zugänglich machen können.


Bei dem Song »Der Traum ist aus« kollabierte das Publikum beinahe, 
und Lutz Kerschowski (Ost) und Rio Reiser (West) zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne der Werner-Seelenbinder-Halle. 

Bei dem Refrain: »Dieses Land ist es nicht« 
machten 6000 Menschen ihrem Zorn auf ihre Regierung Luft und trampelten, dass die Halle bebte. Obgleich der Band zugesichert worden war, dass sie keine Eingriffe durch die Zensur zu befürchten hätten, wurde der Song in der Fernsehübertragung nicht gesendet, aus technischen Gründen, wie es hieß. 
Bei Amazon kann man immer noch Kommentare zu den Konzerten lesen: »Man muss sich einfach mal in die Situation der Aufnahme hineinversetzen: 
Hunderte DDR Bürger singen trotz (oder gerade wegen?) Stasibespitzelung den Text mit, in dem Rio fragt: 

>Gibt es ein Land auf der Erde, in dem der Traum Wirklichkeit ist?

Ich weiß es wirklich nicht.

Ich weiß nur eins, und da bin ich sicher

DIESES LAND IST ES NICHT!

DIESES LAND IST ES NICHT!

DIESES LAND IST ES NICHT!<



Und die letzten Zeilen werden vom Publikum aus vollen Herzen mitgesungen und bringen die Unzufriedenheit der DDR-Bürger zum Ausdruck wie wohl niemals sonst. 

Bei jedem Hören dieser Stelle bekomme ich [Gert Möbius] eine Gänsehaut! Das ist mehr als Musik, das ist auf Tonträger festgehaltene Geschichte.
Spätestens da hätte die Stasi anfangen müssen, ihre Akten zu vernichten, wenn sie irgendwie schlau gewesen wären (hinterher ist man immer schlauer).

 Auch wenn beabsichtigt war, der Band >die schönen Seiten der DDR< zu zeigen, 
entging ihnen nicht, dass etwas im Gange war. »Bei der Party wurde über alles Mögliche gesprochen, aber was sich vermittelte, war, dass sich eine Trendwende abzeichnete«, erzählte Rio. »Ich würde im Nachhinein sagen, dass die junge Garde, die FDJ, auf dem Sprung war, die Macht zu übernehmen. 

Ich weiß jetzt nicht genau, wann die Sache mit Freya Klier und Stefan Krawczyk war, '88 oder '89, aber die Oppositionsbewegungen gab es schon. Es war schon zu erkennen, dass sich da irgendwas dreht innerhalb des Apparates.« 

Rio gehörte zu denjenigen, die nach dem Mauerfall, nach der Wende nicht die schnelle Wiedervereinigung befürwortet haben. Er empörte sich darüber, dass versucht wurde, »die ganze Identität zu eliminieren, nach dem Motto: 


>Wir stellen Ihnen eine wunderbare Identität zur Verfügung, die westdeutsche Identität, das heißt Freiheit, also Reisefreiheit, Geld verdienen, Leistung — die können Sie haben, schaffe, schaffe Häusle baue — und verrecke, sagt der Schwabe!< Diese Identität war im Angebot, mit der anderen Identität war es vorbei.
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Der Traum ist aus.
Dieses Europa ist es nicht. 
Dieses Europa ist es nicht.
Dieses Europa ist es nicht. 
Wir stellen Ihnen eine wunderbare Identität zur Verfügung, die EU-Identität, das heißt Freiheit, also Reisefreiheit, Geld verdienen, Leistung — die können Sie haben.  Diese Identität ist im Angebot, mit der anderen Identität ist es vorbei.
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Siehe auch: