Montag, April 11, 2011

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Das beinhaltet das Bedürfnis allein zu sein.


Der Mensch ist ein soziales Wesen.
Das beinhaltet nicht nur, Gemeinschaft erleben zu wollen, sondern auch die an­dere Seite dazu gehört: das Bedürfnis allein zu sein.
Nicht alles und jedes kann im Beisein von anderen gelebt werden, jeder Mensch braucht zwischendurch Zeit und Raum für sich selber, sei es um nachzudenken, um etwas auszuprobieren, um bestimmte Erfahrungen zu machen, oder um sich über etwas klar zu werden - die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen.

Raum und Zeit für sich allein zu haben, ist unentbehr­lich, auch in einer Partnerschaft, und sei sie noch so innig und liebevoll. Oft wird versäumt, das offen anzusprechen und sich gegenseitig diesen Raum zu gewähren, sei es aus Angst, den andern zu kränken, oder aufgrund der un­realistischen Vorstellung, Partnerschaft bedeute absolute Zweisamkeit. Doch unerfüllte Bedürfnisse nach Allein­sein machen - paradoxerweise - einsam und entfremden die Partner voneinander.

Menschen, die allein leben, kommen im Alter schlechter zurecht als solche, die mit anderen zusammenleben - be­haupten die Experten. Ich wage das zu bezweifeln. Es hat wohl beides Vorzüge und Nachteile, und ob jemand sich mit der einen oder mit der anderen Lebensform besser zu­rechtfindet, hängt von vielen Faktoren ab: von der Lebens­geschichte, von individuellen Vorerfahrungen, persönli­chen Wesenszügen, Prägungen und Präferenzen, um nur einige zu nennen.

Allein leben ist nicht die schlechteste Lebens­form, sie hat - wie alles im Leben - ihre guten und ihre schlechten Seiten.
Ich zum Beispiel lebe gern allein. Ausgesucht habe ich es mir nicht. Es hat sich so ergeben - eine Trennung, ein frü­her Tod -, ich musste mich früh daran gewöhnen. Am An­fang fiel es mir sehr schwer, doch mit der Zeit merkte ich zu meinem Erstaunen, dass diese Lebensform auch manches für sich hat.
 



Eine banale Erfahrung, aber doch ein »Schlüsselmoment« ganz zu Anfang, als ich noch damit haderte, allein leben zu müssen: Ziemlich niedergeschlagen saß ich beim Frühstück, griff lustlos nach der Zeitung, um mich abzulenken - und merkte plötzlich, wie gemütlich es ist, beim Frühstück in Ruhe die Zeitung zu lesen. Das wäre mir früher nicht im Traum eingefallen, obwohl beim Frühstück eigentlich niemand gesprächig gestimmt war. Auf einmal überkam mich inmitten meiner traurigen Grund­stimmung ein Glücksgefühl, das diesem nichtigen Anlass über­haupt nicht angemessen war. Doch er hat mir die Augen geöffnet.


Alte Bäume wachsen noch. Neue Erfahrungen in späten Lebensjahren.

Nach: Marlis Pörtner, *1933:Alte Bäume wachsen noch. Neue Erfahrungen in späten Lebensjahren.Klett-Cotta 2010. 

Allmählich dämmerte es mir: „Später“ – das war jetzt.
Jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Jetzt konnte ich die Veränderungen noch selber in die hand nehmen und nach meinen Wünschen gestalten. Diese Erkenntnis war ein Schock.


Neulich beim Zähneputzen kam mir auf einmal ein Ge­dicht in den Sinn, das ich vor vielen Jahren geschrieben habe:

Einen Weg gehen
ankommen
und merken
der Aufbruch
beginnt
erst jetzt

Das trifft genau, worum es in diesem Lebensabschnitt geht: sich nicht an irgendetwas festklammern, nicht meinen, es sei jetzt etwas geschafft, und das werde so bleiben - vielleicht wird es das und vielleicht nicht.

Die bereits an anderer Stelle zitierte Formulierung des Psychoanalytikers Erik H. Erikson »Sein, was man gewor­den ist« meint auch: nicht an der Vergangenheit kleben, sondern jetzt leben.
Man kann es auch anders sehen: Veränderungen fordern uns heraus, beleben uns, rufen schlummernde Kräfte wach und erweitern den Horizont. Veränderungen, selbst unlieb­same, bringen uns weiter - wenn wir bereit sind, uns mit wachen Sinnen auf sie einzulassen.

Für alles, was er im Alter verliere, gewinne er etwas hin­zu,
erklärte kürzlich der siebzigjährige Regisseur Peter Stein in einem Radio-Interview.
Beschwerden und Beeinträchtigungen des Alters sind nur die eine Seite der Medaille. Wenn wir unseren Blickwinkel ändern, werden wir auch ihre andere Seite. Den Blickwinkel ändern heißt nicht: wegschauen, sondern im Gegenteil: genauer hinschauen, um verschiedene Seiten altersbedingter Veränderungen wahrzunehmen: die schmerzlichen und die hoffnungsvollen. Dann erkennen wir, dass dieser Lebens­abschnitt nicht nur Verlust mit sich bringt, sondern auch überraschende Entwicklungsmöglichkeiten bereithält. Den Blickwinkel ändern heißt nicht, die Beschwernisse und Un­annehmlichkeiten des Alters und die damit verbundenen Gefühle verdrängen, sondern ihnen ins Auge sehen, sie an­nehmen und versuchen, so gut wie möglich mit ihnen zu leben.

Sonntag, Februar 20, 2011

60 plus - und die Aufgabe von jung und alt

Das Älterwerden hat seinen eigenen Sinn und birgt in sich seine eigene Herausforderung: 

Die Aufgabe des jungen Menschen ist es, in die Zukunft zu blicken, sich auf das Leben vorzubereiten und sein Leben aufzubauen. Auch der ältere oder alternde Mensch hat die Aufgabe, in seine Zukunft zu blicken, über seine Zukunft nachzudenken, sich auf seine Zukunft vorzubereiten. Bei beiden wird am Ende der Zukunft der Tod stehen; das haben die Menschen aller Rassen und aller Religionen und aller Altersgruppen gemeinsam, und das eint sie. Es ist ihr gemeinsames Schicksal. -   Auch wenn die konkreten Vorbereitungen auf die jeweilige Zukunft der verschiedenen Altersstufen sich naturgemäß unterscheiden.  C.G. Jung meint, es sei eine Perversion der Kultur, wenn sich die Alten wie die Jungen gebärden und meinen, sie müssten die Jungen an Arbeitseifer und Leistung übertreffen.

Der Psychoanalytiker C. G. Jung schreibt:
 »Es ist [für den älteren Menschen] ebenso neurotisch, sich nicht auf den Tod als ein Ziel einzustellen, wie in der Jugend die Phantasien zu verdrängen, welche sich mit der Zukunft beschäftigen.« 
 »Dem Seelenarzte erscheint der Alte, der sich vom Leben nicht trennen kann, ebenso schwächlich und krankhaft wie der Junge, der es nicht aufzubauen vermag. 
Und tatsächlich handelt es sich in vielen Fällen um dieselbe kindliche Begehr­lichkeit, dieselbe Furcht, denselben Trotz und Eigensinn im einen wie im anderen Falle. 
Ich bin als Arzt überzeugt, dass es sozusagen hygienischer ist, im Tode ein Ziel zu erblicken, nach dem gestrebt werden sollte, und dass das Sträuben da­gegen etwas Ungesundes und Abnormes ist, denn es beraubt die zweite Lebenshälfte ihres Zieles.« 

Und ähnlich der Dichter Hermann Hesse:
»Ohne dieses Ja, ohne die Hingabe an das, was die Natur von uns fordert, geht uns der Wert und Sinn unsrer Tage - wir mögen alt oder jung sein - verloren. Und wir betrügen das Leben.«

Der älter werdende Mensch steht in einer seltsamen Spannung dazwischen: 

Der Theologe Karl Rahner:  
»So sind wir Alten in einer seltsamen, einmaligen Spannung stehend zwischen einem Mut des diesseitigen Lebens und der Hoffnung des ewigen Lebens. 
Wir leben noch, also müssen wir noch weiterzuleben suchen. Gewiss brennt unser hiesi­ges Lebenslicht allmählich kleiner und niedriger und zittert oft ängstlich. Gewiss haben wir diesbezüglich nur begrenzte Möglichkeiten und brauchen uns nicht illusioniert vorreden, wir könnten den alten Schwung des Lebens weiter bewahren, wenn wir nur wollen. Diesbezüglich gibt es hohle Parolen ("Man ist so alt, wie man alt sein will"), die man sich nicht an­quälen sollte, sondern ehrlich und nüchtern zur Abnahme seiner Lebenskraft in allen Dimensionen (auch des Geistes) sich bekennen. Aber man lebt eben doch noch und sollte das Leben, das einem noch geblieben ist, wirklich leben und aus­füllen wollen.«


Es geht für mich, sagt Anselm Grün in seinem Buch "Die hohe Kunst des Älterwerdens" darum, ja zu sagen zu dem, was sich mir in den Weg stellt, daran nicht zu zerbrechen, sondern nur die Illusionen zerbrechen zu lassen, die ich mir vom Leben gemacht habe. Zunehmende Beschwerden des Alltags, Krankheit, Schwächerwerden des Körpers und des Gedächtnisses: All das zerbricht uns hoffentlich nicht, sondern es zerbricht nur eine Illusion, die wir uns vielleicht vom Leben gemacht haben: Für mich ist es eine wichtige spirituelle Aufgabe, immer mehr ja zu sagen: zu meiner Endlichkeit und Begrenzt­heit, zum Abnehmen meiner Kräfte (und letztendlich zum Ster­ben).
 
Ich weiß, sagt Grün mit 62 Jahren, wie leicht es ist, vom Annehmen und Loslassen zu sprechen. Aber wenn ich konkret eine Aufgabe loslassen soll, merke ich selbst, wie schwer es mir fällt. Da tauchen genügend Gedanken in mir auf, die mich daran hindern: Das kommen Zweifel hoch, ob es die anderen wohl gut genug machen oder ob meine spirituelle Richtung weitergeht, wenn ich nicht mehr da bin. Dies alles sind berechtigte Überlegungen. Doch sie hindern mich letztlich, all das, was ich aufgebaut habe, loszulassen und mein Zurücktreten und Nichtmehrgefragtsein anzunehmen.

Zwei Bilder für die Lebensalter:

 (nach Anselm Grün)

1. Jahreszeiten:
Der Frühling - die Kindheit und Jugend - habe sein aufblühendes Leben, der Som­mer -das Erwachsenenalter - seine sonnigen Tage. Das Alter sei dagegen wie der Herbst in seiner Schönheit. Auch der Herbst ist schön. Er ist geprägt durch die wunderbaren Herbstfarben, durch die Milde des Sonnenlichts und durch das Feiern der Ernte, das Genießen der Gaben der Schöpfung.

Während des Berufslebens und in der Arbeit kann man vieles nicht wahrnehmen. Im »Herbst« des Lebens geht es darum, das Schöne zu schauen und zu genießen. Statt zu leisten, genügt es, einfach da zu sein. Aber so, wie der Herbst Neues in der Schöp­fung hervorbringt, so ist es auch die Aufgabe im Alter, Neues zu probieren.
Aber der Herbst kann auch von nega­tiven Erfahrungen geprägt sein. Da gibt es die Herbststürme, die Bäume entwurzeln und uns das Vertraute nehmen.  
Zur Kunst des Altwerdens gehört es, den Herbst in seiner Schön­heit, aber auch in seiner Rauheit anzunehmen.

2. Ein anderes Bild für das Alter ist das des Traubenstocks:  
Die Früchte, die im Herbst am Wein­stock hängen, tun nichts mehr. Sie setzen sich einfach nur der Sonne aus und reifen, bis sie geerntet und für andere zu einer Quelle der Freude werden.
Der alte Mensch muss nichts mehr leisten, er muss sich nicht durch Leistung Anerkennung ver­schaffen. Er ist einfach da. Allerdings zeigt der Weinstock auch, dass dies kein passives Dasein ist. Er hat. ja noch den inneren Trieb, der ihn am Leben hält. So wird das Alter dann fruchtbar, wenn der alte Mensch das, was in ihm ist, ausdrücken kann: in Worten, in Erzählungen oder in Bildern oder Musik. Künstler wie Pablo Picasso und Marc Chagall oder Musiker wie Pablo Casals oder Sergiu Celibidache haben bis ins hohe Alter den Reichtum ihrer Seele zum Ausdruck gebracht und damit zahl­reiche Menschen beglückt.

Viele alte Menschen haben der Welt Wichtiges zu sagen. Doch die meisten haben kein Forum, vor dem sie es zur Sprache bringen und ausdrücken können. Wenn alte Menschen das, was in ihnen an echtem Reichtum liegt, thematisieren können und wenn sie dabei Zuhörer oder Betrachter finden, dann gelingt die hohe Kunst des Älterwerdens.

Buchtipp: 
Irvin D. Yalom, In die Sonne schauen. Wie man die Angst vor dem Tod überwindet.


Sonntag, September 07, 2008

Pakistan. Wir haben die Shalimar-Gärten angelegt...


Aus: Moshin Hamid, "Der Fundamentalist, der keiner sein wollte".


Der knapp 30-jährige Pakistaner Changez, der in Princeton einen hervorragenden Abschluss gemacht hat, arbeitet zunächst bei einer der führenden Unternehmensberatungen in New York. In seiner Heimat Lahore, der pakistanischen 8-Millionen-Stadt in der Nähe zur indischen Grenze, spricht der redselige Changez einen namenlosen Amerikaner an und lädt ihn zum Essen auf dem Alt-Anarkali-Bazar ein:

"Vielleicht weil es uns gegenwärtig an Reichtum, Macht oder auch nur - ungeachtet gelegentlich hervorragender Leistungen unseres Kricket-Teams - sportlichem Ruhm mangelt, wie es unserem Status als dem Land mit der sechstgrößten Bevölkerung entspräche, legen wir Pakistanis auf unser Essen außerordentlichen Wert. Hier in Alt-­Anarkali besteht er in der Reinheit der dargebotenen Kost; kein einziger dieser würdigen Gastwirte würde es auch nur in Erwägung ziehen, ein westliches Gericht auf die Speisekarte zu setzen. Nein, wir sind vielmehr um­geben von Kebab vom Lamm, dem Tikka vom Huhn, dem gedämpften Fuß der Ziege, dem scharf gewürzten Hirn des Schafs! Das, Sir, sind Köstlichkeiten des Jägers, Köstlichkeiten, durchtränkt von einem Hauch Luxus und wollüstiger Hingabe. Wir haben nichts übrig für die vege­tarischen Rezepte, die man jenseits der Grenze im Osten findet, auch nicht für das sterilisierte, behandelte Fleisch, das in Ihrer Heimat so verbreitet ist! Hier sind wir nicht so zimperlich, wenn es darum geht, uns den Folgen unse­res Appetits zu stellen.

Denn wir waren nicht immer mit Schulden belastet, von ausländischen Leistungen und von Almosen abhän­gig; in den Geschichten, die wir über uns erzählen, sind wir nicht die wahnsinnigen und verarmten Radikalen, die Sie auf Ihren Fernsehkanälen sehen, sondern Heilige und Dichter und - jawohl - siegreiche Könige. Wir haben die Königliche Moschee erbaut und die Shalimar-Gärten in dieser Stadt angelegt, wir haben das Lahore-Fort errichtet, mit seinen mächtigen Mauern und der breiten Rampe für unsere Kampfelefanten. Und als wir das alles erschufen, war Ihr Land noch eine Ansammlung kleiner Kolonien, die am Rande eines Kontinents sein fristeten.

Aber ich werde schon wieder laut und bereite Ihnen zudem erhebliches Unbehagen. Bitte entschuldigen Sie; es war nicht meine Absicht, grob zu sein."

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Pakistan: Ein Land verzweifelt.

Nun schein Pakistan einen echten "Schurken" zum Präsidenten zu bekommen. Das macht aber nichts, denn er ist "unser Schurke", wie ein amerikanischer Präsident einmal über einen anderen Präsidenten zu sagen pflegte: Asif Ali Zardari, Ehemann der ermordeten Benazir Bhutto, wird neuer Präsident Pakistans. Er gilt als korrupt. Zardari, ein Mann, dem die Pakistaner den Spitznamen "Mister 10 Prozent" gegeben haben, weil er sich während der beiden Regierungszeiten seiner Frau schamlos an Staatsaufträgen bereichert hat; der elf Jahre in pakistanischen Gefängnissen saß, wegen Anklagen wie Mord, Korruption und Erpressung. Zardari ist im Moment so unbeliebt wie nie zuvor. Zardari hatte sich zuvor geschickt und mit dem Segen der US-Regierung seines Vorgängers Musharrafs entledigt...


Sonntag, August 31, 2008

Getötete Bundeswehrsoldaten: Kriegs-Gräber-Fürsorge.

Fast täglich beklagt "der Westen" neue Tote in Afghanistan. Es ist gut, dass die Toten beklagt werden, und es wäre gut, wenn "der Westen" nicht nur seine eigenen Toten beklagen würde, sondern alle Menschen, die in Afghanistan durch diesen Kriegseinsatz sterben müssen. Oder ist es ein Friedenseinsatz? Oder Aufbauhilfe? (siehe auch die Posts vom 27. Oktober und 3. November 2006 in diesem Blog).

In den letzten 14 Tagen traf es zehn französische Soldaten, wenige Tage vorher wurden drei kanadische und US-amerikanische Helferinnen ermordet, später traf es drei Polen, am Montag einen Dänen, Ende August den 29-jährigen Hauptfeldwebel der Bundeswehr, der auf eine Mine fuhr. Kurz darauf töteten Bundeswehrsoldaten eine afghanische Frau und zwei Kinder an einem Kontrollpunkt...
Seit Beginn des Bundeswehreinsatzes 2002 sind nun (offiziell) 28 deutsche Soldaten der internationalen Afghanistan-Schutztruppe ISAF getötet worden. - Deutschland stellt mit derzeit 3280 Soldaten in Afghanistan das drittgrößte Kontingent; das derzeitige ISAF-Mandat der Bundeswehr läuft am 13. Oktober 2008 aus, die Bundesregierung beabsichtigt, das Mandat um 1.000 Soldaten auf 4.500 zu erhöhen und um 14 Monate bis nach der Bundestagswahl 2009 zu verlängern. Mehr Soldaten, das bedeutet auch: Mehr Tote. Auf beiden Seiten. - (Nicht mitgezählt werden übrigens die Toten des deutschen Kommandos Spezialkräfte KSK aus Calw, denn dessen Auftrag und Einsatz sind geheim, nicht einmal alle Bundestagsabgeordneten werden über deren Engagement wirklich informiert.) -

Laut Hilfsorganisationen wurden bei Kämpfen und Anschlägen in Afghanistan allein in diesem Jahr bereits mehr als 3000 Menschen, darunter rund 1000 Zivilisten getötet. Sterben in Afghanistan gehört zum bitteren Alltag. Offizielle Zahlen gehen von einer Steigerung der Zwischenfälle gegenüber 2007 um 40 Prozent aus. Und dieser Trend wird sich nach einem Urteil des Berliner Verteidigungsministeriums 2009 fortsetzen.

Nach Auffassung des Wehrbeauftragen Robbe (SPD) soll der deutsche "Staat für die langfristige Sicherung der Pflege der Gräber zuständig sein". Es sei wichtig, das Andenken der bei Friedens-Einsätzen umgekommenen Soldaten hochzuhalten. Damit schließt sich Reinhold Robbe der Forderung des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge an: Es könne nicht sein, dass der Tod eines Soldaten zu einem "Berufsunfall" herabgesetzt werde. - Stobbe spricht ausdrücklich von Soldaten, die bei Friedens-Einsätzen ums Leben gekommen sind. Russland spricht von seinen Truppen, die derzeit in Georgien stationiert sind, ebenfalls von Friedens-Truppen. Der Volksbund spricht von Kriegs-Gräbern, dafür ist er zuständig. Sonst müsste man den Bund umbenennen in Volksbund Deutscher Friedensgräberfürsorge. Oder?

Freitag, August 15, 2008

Georgien 08

"Glauben Sie wirklich, Sie können den Geist des Widerstands, die Sehnsucht nach einem Frieden, der nicht auf Staatsterror und Militarismus aufgebaut ist, sondern auf wirtschaftlicher Gerechtigkeit [...] auslöschen?"
(Dorothee Sölle in ihrer Verteidigungsrede vor Gericht im April 1986, angeklagt wegen gewaltfreier Sitzblockade vor einem Raketen-Depot in Mutlangen)




Präsident Saakaschwili

  • Hatte am 7. August 2008 eine Offensive gestartet, um das seit 1992 abtrünnige Süd-Ossetien zurück zu gewinnen, die Folge war eine russische Intervention,
  • Gilt als sprunghaft und emotional,
  • bezeichnete den jetzigen Premier Russlands Putin als "Liliputin", was die Freundschaft zwischen beiden nicht gerade vertiefte,
  • bezeichnet die Regierung Abchasiens mal als "Hyänen, die sich in den Regierungsgebäuden verschanzt haben", mal als "Unsere Brüder in Abchasien",
  • bezeichnet die Regierung in Südossetien mal als "Banditen", mal als "Unsere Brüder in Südossetien",
  • liebt George W. Bush und nennt ihn "Leuchtturm der Demokratie",
  • liebt sich selber und die Medien, spricht fließend Englisch mit amerikanischem Akzent, weil er mal Anwalt in Manhattan war, weswegen ihn wiederum die amerikanischen Medien lieben,
  • liebte eine Mitarbeiterin so sehr, dass sie ein Kind von ihm bekam, was seine niederländische Frau Sandra gar nicht mochte, so dass sie eine Zeit lang nebst Kindern zurück in die Niederlande ging, bis er sich entschuldigt hatte,
  • liebte die hübsche Frau des Präsidenten von Aserbaidschan so sehr, dass Präsident Ilham Alijew erst mal zornig die Grenze zu Georgien schloss, bis sich Saakaschwili entschuldigt hatte,
  • liebte erst seinen Ziehvater Eduard Schewardnadse, stürzte ihn aber Ende 2003,
  • zementierte seine Macht im Januar 2008 mit einer massiv manipulierten Präsidentschaftswahl,
  • regiert als Autokrat, knebelte die Medien und machte sich die Justiz untertan,
  • rüstete mit massiver Hilfe der USA seine Armee auf, um die Rückeroberung von Abchasien und Südossetien vorzubereiten, die sich für unabhängig erklärt hatten,
  • verstärkte dort auch die Aktivitäten seines Geheimdienstes, so dass z.B. die International Crisis Group schon länger vor einem Krieg gewarnt hatte,
  • ließ seine Armee durch US-Offiziere trainieren,
  • wollte durch seinen Überfall eventuell den Westen zum militärischen Eingreifen in Georgien gegen Russland nötigen, weil ihm Georgien bisher noch nicht schnell genug in die EU und die NATO durfte,
  • lief aber vielleicht auch in eine Falle, die ihm Russland gestellt hatte, um militärisch in Georgien eingreifen zu können - man weiß es noch nicht so genau...,
  • will "bis zum Ende kämpfen, bis der letzte russische Soldat Georgien verlassen hat".
  • ...
Russland

  • hat einen Premier, der Saakaschwili persönlich ebenso wenig liebt wie dieser ihn,
  • ärgert sich schon lange, weil der Westen ihm nun auch noch die Ukraine und Georgien abspenstig machen will, nachdem die meisten westlichen Staaten gerade erst (im Februar 2008) die völkerrechts-widrige Abspaltung Kosovos von Serbien anerkannt hatten und Russland schon viele andere Staaten zuvor verloren hatte,
  • ärgert sich, weil die USA ihm in Polen mit dessen Duldung Raketen vor die Haustür setzen wollen und setzen werden, schön-geredet als "Raketen-Abwehr-Projekt",
  • ärgert sich, weil der Westen systematisch Ölleitungen baut, die nicht mehr unter seiner Kontrolle stehen,
  • sagte nun in Georgien: "jetzt reicht`s",
  • sitzt an einem ziemlich langen Hebel, weil es Gas z.B. nach Georgien, in die Ukraine und auch nach Westeuropa liefert,
  • betrachtet den Kaukasus als seinen Einflussbereich - leider betrachtet Präsident George W. Bush den Kaukasus ausdrücklich auch als US-amerikanischen Einflussbereich,
  • will verhindern, dass Georgien Südossetien und Abchasien erneut überfallen kann und will deshalb vor einem Rückzug aus Georgien die militärische Infrastruktur Georgiens dementsprechend zerstören,
  • hat an Abchasen und Südosseten seit langem großzügig russische Pässe ausgegeben, so dass es nun mit Recht sagen kann, dass in diesen Ländern russische Staatsbürger durch Georgien bedroht wurden; die meisten der 250.000 Abchasier haben einen russischen Pass,
  • möchte evtl. gerne Abchasien unter Kontrolle haben, weil es nur durch den Fluss Psou von Sotschi getrennt ist, der beliebten russischen Bade-, Kur- und Konferenzstadt, in der 2014 die Olympischen Winterspiele ausgetragen werden sollen,
  • ...
Abchasien
  • wurde von Stalin dessen Heimat Georgien zugeschlagen,
  • strebte seit langem wieder nach der Unabhängigkeit von Georgien und hat schließlich nach einem langen Bürgerkrieg 1998 seine Unabhängigkeit von Georgien erklärt; (Georgien selber hatte sich 1992 für unabhängig erklärt); die Unabhängigkeit Abchasiens ist international nicht anerkannt,
  • wird in seinen Unabhängigkeits-Bestrebungen von Russland unterstützt,
  • hat einen großen Anteil an Georgiern in seiner Bevölkerung, die Mehrheit hat aber einen russischen Pass,
  • lebt vom Anbau von Südfrüchten, Tee und Tabak,
  • ...
Südossetien

  • wurde von Stalin seiner Heimat Georgien einverleibt, Nordossetien aber der Sowjetunion,
  • ist etwa so groß wie Mallorca, hat 70.000 EinwohnerInnen, und der größte Teil des Landes liegt mehr als 1000 m über dem Meeresspiegel,
  • galt schon im 19. Jahrhundert als enger Verbündeter des damaligen Russlands, 90% der Bevölkerung hat (inzwischen) einen russischen Pass,
  • hat seit 1989 mehrfach seine Unabhängigkeit von Georgien verkündet, es gab in den letzten 17 Jahren immer wieder Kämpfe gegen Georgien mit hunderten von Toten,
  • wurde - natürlich erst nach dem Zerfall der Sowjetunion - von Russland in seinen Unabhängigkeits-Bestrebungen unterstützt,
  • ist international nicht als Staat anerkannt,
  • hat nach einem Waffenstillstand von 2004 offiziell und unter UN-Mandat russische Friedenstruppen im Land,
  • ...
Und was steckt dahinter?
Der Streit in Georgien ist Teil eines globalen Kampfes um Gas und Öl.

Nach Andreas Zumach, Publizist, Experte auf den Gebieten des Völkerrechts, der Sicherheitspolitik, der Rüstungskontrolle und internationaler Organisationen, in den 1980er Jahren war er Sprecher des bundesweiten Koordinierungsausschusses der Friedensbewegung:
  • "Der Westen" (Washington, Paris und Berlin, aber auch Warschau oder Vilnius) trägt eine erhebliche Mitverantwortung für die Eskalation, die zu dem heißen Krieg auf dem Kaukasus geführt hat.
  • Das Drehbuch für diesen Krieg wird bereits seit Anfang der 90er Jahre geschrieben. Nach dem Zerfall des Warschauer Paktes und der Sowjetunion nahm der Westen vorübergehend die Vision des sowjetischen Reformpräsidenten Michail Gorbatschow vom "gemeinsamen Haus Europa" auf.
  • Die "Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" (OSZE) solle zum "Herzstück der europäischen Architektur werden" hieß es in der "Charta für ein neues Europa", die 1990 in Paris von den Staats-und Regierungschefs aller 54 Mitgliedsstaaten der (damals noch) "KSZE" feierlich verabschiedet wurde. - Jedoch: Es blieb bei der Rhetorik.
  • Tatsächlich haben die westlichen Regierungen seitdem systematisch die NATO gestärkt und sie nach Osten bis an die Grenzen Russlands ausgedehnt, während sie die OSZE verkommen ließen.
  • Statt Moskau mittels der OSZE in Europa einzubinden, wurde das Land mit einer Statistenrolle abgespeist und immer mehr in die Ecke getrieben.
  • Der Konflikt um die georgischen Provinzen Abchasien und Südossetien und die Rechte der dort lebenden Minderheiten wäre längst gelöst, wäre er nicht Teil eines großen Energie-Pokers zwischen den USA, Russland und der EU im Kaspischen Becken (und ebenso auch in Zentralasien).
  • Dieser Poker begann, als sich die großen Ölkonzerne der USA nach dem Ende der Sowjetunion weitreichende Zugriffs- und Erschließungsrechte an den Öl- und Gasreserven in den zentralasiatischen Ex-Republiken der UdSSR sicherten - zumeist mittels Bestechung der autokratischen und diktatorischen Regierungen dort.
  • Sämtliche US-amerikanischen und europäischen Pipeline-Projekte zum Transport dieser Reserven, die seit Mitte der Neunzigerjahre geplant - und inzwischen zum Teil realisiert - wurden, haben alle eines gemeinsam: Sie führen - anders als die einst wichtigste sowjetische Pipeline von Aserbaidschans Hauptstadt Baku am Kaspischen Meer nach Noworossisk am Schwarzen Meer - nicht über russisches Territorium.
  • Die Pipeline von Baku (am Kaspischen Meer in Aserbaidschan) nach Supsa (am Schwarzen Meer in Georgien) führt durch Georgien, an Russland vorbei, befindet sich in der Hand von BP (früher: "British Petroleum") und wurde trotz der internen und externen Konflikte des Landes gebaut. Dafür betreiben die USA seit Jahren die militärische Aufrüstung Georgiens und seinen Beitritt zur Nato. (u.a. nach taz 15.8.08)




Montag, August 20, 2007

Lawrence von Arabien und der Krieg im Irak...


Vom Archäologen zum Soldaten
 
Vor ziemlich genau 100 Jahren beendete E.T. Lawrence (* 16.8.1888) im Alter von 18 Jahren die High-School in Oxford, legte die Aufnahmeprüfung am Jesus-College ab, bewies im Aufnahmegespräch für ein Stipendium seine Kenntnisse über mittelalterliche Keramik und Grabplatten und bezog im Oktober 2007 als Stipendiat (neuere Geschichte) und Student die Universität Oxford. -


Im Herbst 1908 besprach er mit C.F. Bell, dem stellvertretenden Direktor des Oxforder Ashmolean-Museums, seine weiteren Pläne, und Bell fragte Lawrence:
"Warum gehen Sie nicht ins Heilige Land und versuchen, ein für allemal die viel diskutierte Streitfrage zu klären, ob die Kreuzfahrer den Spitzbogen und das Spitzbogengewölbe nach orientalischen Vorbildern bauten [...] oder ob sie es waren, die den Arabern diese Konstruktion beibrachten?" - Das war der auslösende Moment für Lawrence` erste Reise in den Nahen Osten und damit auch dafür, dass aus Thomas Edward Lawrence (von seiner Familie "Ned" genannt) schließlich Lawrence von Arabien wurde.



Lawrence fand die Reise (1909) ins Heilige Land - das noch zum osmanischen Reich gehörte - enttäuschend, da die Landschaft so gar nicht dem entsprach, was er vorzufinden erwartet hatte: Hinter Kapernaum dreißig Kilometer weit nur Disteln... Und er hoffte: "Je eher die Juden es bebauen, desto besser; ihre Siedlungen sind gleichsam Oasen in einer Wüste". -
Lawrence bekam in Oxford vom Jesus-College Geld für weiterführende Studien: Das Thema für seine Bachelor-Arbeit sollte lauten: "Mittelalterliche Bleiglasur-Keramik vom 11. - 16. Jahrhundert".


Seine Pläne änderten sich drastisch, als er die Möglichkeit erhielt, mit David George Hogarth, dem keeper des Ashmolean-Museums, zu Ausgrabungen nach Syrien zu reisen: "Mr. Hogarth geht graben, und ich fahre in 14 Tagen nach Syrien, um die Täler zu erhöhen und die Berge zu erniedrigen; auch um Arabisch zu lernen." -


Am 10. Dezember 1910 bricht Lawrence auf zu den Ruinen von Karkemish an den Euphrat. Bei den Ausgrabungen lernt er Dahoum kennen, einen jungen Araber von 14 oder 15 Jahren, der Hilfsjunge der Expedition war, "wunderbar gewachsen und sehr gut aussehend" [so der berühmte Archäologe Leonard Wooley]; Dahoum trug für die Archäologen Wasser, erledigte Botengänge und Besorgungen. Lawrence schrieb in einem Brief nach Hause: "... ein interessantes Wesen; er kann ein paar Worte Arabisch ... lesen und ist überhaupt intelligenter als die übrigen. ... Ich werde versuchen, ein Auge auf ihn zu haben und abwarten, was geschieht." - Dahoum verkörpert für Lawrence all das, was er an der arabischen Bevölkerung bewundert. Oder umgekehrt: Die arabische Bevölkerung verkörpert für Lawrence nunmehr all das, was er an dem jungen Dahoum bewundert?:


"Glücklicherweise ist die Gegend bislang vom Einfluss des Auslands verschont geblieben; hättet ihr das Unheil erlebt, das der Einfluss der Franzosen und - in einem geringeren Maße - der Amerikaner angerichtet hat, würdet ihr nicht wünschen, dass er sich ausdehne. Die absolut hoffnungslose Vulgarität des halb-europäisierten Arabers ist erschreckend. Tausendmal besser der [von der europäischen Zivilisation] unbeleckte Araber. Der Ausländer kommt immer hierher, um zu lehren, wo er vielmehr lernen sollte, denn in allem, Verstand und Wissen ausgenommen, ist der Araber im allgemeinen der bessere Mensch von beiden." -


1914. Erster Weltkrieg.
November 1914, Indien ist noch britische Kolonie. Eine Einheit der indischen Armee landet an der Küste Mesopotamiens, dem Land zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris, dem heutigen Irak. Ziel der Operation ist es, die lebenswichtigen britischen Erdölanlagen des Persischen Golfes zu sichern. Binnen drei Wochen befindet sich der Unterlauf von Euphrat und Tigris, das Shatt al Arab, bis hinauf nach Basra in der Hand der Indien-Armee, sprich: Der Briten.
30 Jahre später, im zweiten Weltkrieg schickt Adolf Hitler seinen Wüstenfuchs Feldmarschall Erwin Eugen Rommel nach Nordafrika, um von Norden und vom Süden her in einer Zangenbewegung den Persischen Golf mir seinen Rohstoffquellen zu erobern. Das scheiterte in El Alamain in der Schlacht gegen die Alliierten unter dem britischen General Montgomery (1942).
Und 90 Jahre später, im Irakkrieg 2003, ist Basra erneut einer der Haupt-Kriegsschauplätze für die USA und Großbritannien: Die britischen Truppen konzentrierten sich im Süden des Iraks auf die Einnahme der Hafenstadt Umm Kasr, der Sicherung der Ölquellen im Süden des Landes und der Einkreisung und anschließenden Einnahme der Stadt Basra.

Fortsetzung folgt....

Samstag, Dezember 30, 2006

Mahatma Gandhi und der Irak


Anfang des 21. Jahrhunderts
wehrt sich die irakische Bevölkerung gegen die Besatzungstruppen einer westlichen Koalition. Sie wehrt sich gewaltsam. Ob es auch Personen und Gruppen gibt, die - in der Tradition Gandhis - gewaltlos und mit zivilem Ungehorsam gegen die Besatzung und für die Unabhängigkeit kämpfen, ist aktuell nicht bekannt.

Anfang des 20. Jahrhunderts
wehrte sich die indische Bevölkerung gegen die britischen Besatzungstruppen.
"Er [Gandhi], und nur er, war dafür verantwortlich, dass sich die Forderung nach Unabhängigkeit in eine landesweite Massenbewegung verwandelte, die alle Gesellschaftsschichten gegen die Imperialisten mobilisierte [...].
Die Gandhische Gewaltlosigkeit wird vielfach als der Weg verstanden, auf dem Indien zur Unabhängigkeit fand. [...] Aber die indische Revolution verlief durchaus gewaltsam, und diese Gewalttätigkeit enttäuschte Gandhi so sehr, daß er aus Protest den Unabhängigkeitsfeierlichkeiten [1947] fernblieb."
(Salman Rushdie).

Gandhis Aufruf zur Verweigerung jeder Zusammenarbeit mit dem britischen Kolonialreich hatte Anfang der 1920er Jahre ganz Indien elektrisiert. Eine nie dagewesene Hoffnung und Begeisterung hatte sich damals der indischen Massen bemächtigt, die Hoffnung darauf, Selbstbestimmung und Befreiung von der britischen Besatzung seien nur eine Frage von Monaten.
Die Hoffnung hatte einen Dämpfer erhalten durch gewalttätige Zusammenstöße in Bombay und Madras und besonders durch einen Zwischenfall in dem Dorf Chauri Chaura:

Am 4. Februar 1922 hatte die Polizei zwei Demonstranten verprügelt. Durch die aufgebrachte Menge wurden daraufhin 15 Polizisten zu Stücken zerhackt und eine Polizeistation samt Polizisten in Brand gesteckt. Alle getöteten Polizisten waren Inder. Vor dem Zwischenfall gab es bereits andere Angriffe auf europäische Zivilisten und Polizeioffiziere. -

Gandhi kam zu der Überzeugung, dass der Aufstand außer Kontrolle geriet. Er entschied, seinen Aufruf zum nationalen Aufstand auszusetzen und sich nicht bloß für den Gewaltausbruch zu entschuldigen. Er kündigte ein unbegrenztes Fasten an, dass er erst mit der Einstellung jeden Widerstands beenden wollte. Millionen von Aktivisten, viele durch den Wechsel überrascht, gaben ihren Aufstand auf, um Gandhis Leben zu bewahren.

Gandhi erklärte danach, die Gewalttätigkeiten hätten ihn zu der Überzeugung gebracht, dass das Land noch nicht reif sei für die Unabhängigkeit.

Obwohl Gandhi den nationalen Aufstand im Alleingang beendet hatte, wurde er verhaftet. Jetzt ließ man ihm den Prozess machen, bei dem Gandhi keinen Versuch unternahm, sich zu verteidigen und selbst die Verantwortung für die Tötungen übernahm, weil er die Menschen zu wenig trainiert und friedliche Methoden zu wenig betont habe. - Er wurde zu sechs Jahren Haft wegen umstürzlerischer Veröffentlichungen verurteilt. Eine Blinddarmoperation nahm die Regierung in Delhi später zum Anlass, Gandhi bereits nach zwei Jahren aus dem Yervada-Gefängnis freizulassen.

Die Briten glaubten, Gandhi habe seine politische Zukunft hinter sich. In ihren Augen widmete er sich irgendwelchen esoterischen Sozialprogrammen, die weit davon entfernt waren, eine Bedrohung für das britische Empire sein zu können. "Der arme Gandhi ist tatsächlich von der Bildfläche verschwunden! Mit seinem Spinnrad gibt er eine genauso lächerliche Figur ab wie der letzte Minnesänger mit seiner Harfe, nur dass er keine so charmante Zuhörerschaft anzieht." (Lord Birkenhead, Staatsminister für Indien).

Gandhi selber lebte in seinem Ashram bei Ahmedabad mit ca. 150 Personen zusammen. Die Briten hatten ihn zwar abgeschrieben, doch die Inder warteten auf seinen nächsten Schritt.
Gandhi selber erklärte immer wieder, die indische Unabhängigkeitsbewegung habe nur eine andere Gestalt angenommen: Die Form einer politischen Moralerziehung,
  • bei der die Betonung auf handwerklichen Arbeiten wie Spinnen lag,
  • auf dem Kampf gegen das Dogma der Unberührbarkeit in der hinduistischen Gesellschaft
  • und auf der Einheit von Hindus und Moslems. -

Besonders wütend über diesen Schritt Gandhis waren die Studenten, die er aufforderte, sich an seinen neuen Kampganen zu beteiligen, die aber deren Sinn nicht einsahen. Viele teilten die britische Einstellung, Gandhi sei irrelevant geworden und richteten ihre Hoffnung jetzt auf junge Revolutionäre im Punjab und in Bengalen, die gewaltsame Methoden für den Sturz der Briten propagierten.

Viele Nationalisten hatten das Gefühl, die Nichtkooperations-Bewegung hätte nicht wegen einiger isolierte gewalttätiger Zwischenfälle gestoppt werden sollen. Zeitgenössische Historiker und Kritiker vermuten, dass die Bewegung erfolgreich genug genug gewesen wäre, um der britischen Herrschaft das Genick zu brechen und die Unabhängigkeit möglicherweise vor 1947 möglich gewesen wäre. Andere Historiker und indische Politiker dieser Zeit verteidigen Gandhis Entscheidung. Wenn er die Revolte nicht gestoppt hätte, wäre Indien möglicherweise in einer anarchistischen Rebellion versunken.

Salman Rushdie:
»Für Jawaharlal Nehru war das prägende Bild Gandhis, "wie er sich 1930 mit dem Pilgerstab in der Hand auf den Salzmarsch nach Dandi machte. Er war der Pilger auf der Suche nach der Wahrheit: ruhig, friedlich, entschlossen und furchtlos, und man spürte, er würde seine Suche und Pilgerschaft fortsetzen, komme, was da wolle."
Nehrus Tochter, Indira Gandhi, sagte später: "Mehr als seine Worte war sein Leben die Botschaft."

Diese Botschaft wird heute eher außerhalb Indiens beherzigt. Albert Einstein zählte zu den vielen Bewunderern von Gandhis Leistungen; Martin Luther King, der Dalai Lama und alle Friedensbewegungen der Welt sind seinem Vorbild gefolgt. Gandhi, der das kosmopolitische Dasein aufgab, um ein Land zu gewinnen, ist in seinem seltsamen Leben nach dem Tod wieder zum Weltbürger geworden. Vielleicht erweist sich sein Geist doch noch als unverwüstlich, klug, zäh, raffiniert und - jawohl - als moralisch genug[...]. Gegen dieses neue Imperium ist Intelligenz allemal eine bessere Waffe als Frömmigkeit. Und passiver Widerstand? Wir werden sehen
.«


udopia/rushdie/kakar/wikipedia

Hussein heute gehängt. Von der Diktatur zur Barbarei.

Der irakische Ex-Präsident Saddam Hussein ist hingerichtet worden. Saddam Hussein und seine beiden Verbündeten (sein Halbbruder Barsan el Tikriti sowie der ehemalige Präsident des Revolutionstribunals Awad el Bandar) waren wegen der Ermordung von 148 Einwohnern des Dorfes Dudschail in den 80er Jahren zum Tod durch den Strang verurteilt worden.
(s. auch den Post vom 23.8.2006 zum Gerichtsverfahren)

Während der würdelosen Hinrichtung wurden von Wachleuten oder Zuschauern (wahrscheinlich mit privaten Handys) auch private Filmaufnahmen gemacht, Hussein wurde verspottet und nach der Hinrichtung wurden offenbar Freudentänze aufgeführt. In der Video-Aufzeichnung sind Wortgefechte zu hören, die den Diktator beschimpfen und ihm zurufen, er solle zur Hölle fahren. Als Saddam zum zweiten Mal das islamische Glaubensbekenntnis sprechen will, öffnet sich gerade beim Wort Mohammed unter ihm die Falltür des Galgens.

Und der Irak und seine Bevölkerung?

Bis Oktober 2006 stieg die Zahl der im Bagdader Leichenschauhaus monatlich eingelieferten Gewaltopfer auf 2722. Die meisten gingen auf das Konto der Milizen schiitischer Regierungsparteien und von Todesschwadronen innerhalb der Sicherheitskräfte.

Insgesamt 650.000 Iraker waren von März 2003 bis Juni 2006 Opfer von Krieg und Besatzung geworden, so das Ergebnis einer im Oktober in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichten Studie, 600.000 davon starben eines gewaltsamen Todes. Die Zahl der Opfer hat sich jedes Jahr beinahe verdoppelt, bis zum 4. Jahrestag des Krieges wird daher, so steht zu befürchten, die Gesamtzahl die Millionengrenze überschritten haben. Die Hälfte bis zwei Drittel der Gewaltopfer wurden von den Besatzungstruppen oder den US-geführten irakischen Hilfstruppen selbst getötet, ein Siebtel allein durch Luftangriffe.

Von diesen tödlichen Kampfeinsätzen, den oft wochenlangen Belagerungen und Bombardierungen ganzer Städte und Stadtviertel hört und sieht man hierzulande so gut wie nichts. Berichtet wird nur über die Anschläge irakischer Kräfte auf die Zivilbevölkerung, Morde und Entführungen. Informationen über Hintergründe sucht man vergebens. Selten erfährt man etwas über die politische Ausrichtung der irakischen Akteure, angegeben wird meist nur deren mutmaßliche Konfession. So entsteht Stück für Stück das falsche Bild eines Krieges zwischen »den Sunniten« und »den Schiiten«, »den Arabern« und »den Kurden«.
(jw/udopia)

Alive in Baghdad

Brigan Conley, 26-jähriger US-Amerikaner, ist der Gründer von Alive in Bagdahd. Jede Woche stellt ein irakisches Team neue kurze Videos auf die Website des Web-Logs, die den Alltag der Menschen im besetzten Irak dokumentieren. - Es geht um durch US-Munition Uran-verseuchte Kinder, um Überlebende von Autobomben-Attentate, fehlende Plätze auf Friedhöfen, Teenager berichten aus dem Krieg, Ex-Häftlinge aus dem Gefängnis Abu Ghraib...

Iraker drehen die Filme vor Ort, ein anderes Team in den USA kümmert sich um die Übersetzung. Im Dezember 2006 wurde die Website in den USA mit dem "Vloggie" augezeichnet, ein Preis, mit dem Video-Blogs prämiert werden.


2006: Lateinamerika wählte linker.

[…]
  • In Venezuela ist Hugo Chávez gerade erst überzeugend in seinem Amt bestätigt worden.
  • Auch "Lula" da Silva hat im Oktober mit dem zweiten Wahlgang die Präsidentschaft Brasiliens erneut für sich gewonnen.
  • In Ecuador wies Rafael Correa Ende November mit überraschenden 56 Prozent den Kandidaten der Oligarchie, den "pathetischen Populisten und Scharlatan" - so der ecuadorianische Publizist Javier Ponce über Álvaro Noboa - in die Schranken. Correas designierter Energieminister Alberto Acosta teilte bereits mit, die exzessiven Gewinne der Ölgesellschaften besser verteilen zu wollen.
  • Vor Monaten schon setzte sich Michelle Bachelet als sozialistische Bewerberin um das höchste Staatsamt Chiles durch.
  • In Bolivien regiert mit Evo Morales erstmals ein Staatschef mit indigener Herkunft.
  • Nicht zu vergessen die Rückkehr Daniel Ortegas an die Spitze Nicaraguas.
  • Schließlich Mexiko, das der Südamerikanischen Gemeinschaft als Beobachter angehört - dort hat sich López Obrador von der Partei der Demokratischen Revolution (PRD) zum Präsidenten einer "Neuen Republik" ausrufen lassen, nachdem er bei den Wahlen vom 2. Juli 2006 nur hauchdünn und vermutlich dank eines Wahlbetrugs dem Neoliberalen Felipe Calderón unterlegen war.
  • In Uruguay und Argentinien regieren mit Tabaré Vásquez und Néstor Kirchner ebenfalls zur südamerikanischen Linken tendierende Politiker.
(Elmar Altvater)
Elmar Altvater (* 24. August 1938) war Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der FU-Berlin. Elmar Altvater engagierte sich für die Grünen, ging jedoch nach dem Kosovo-Krieg zunehmend kritisch auf Distanz. Heute wirbt er für Attac und das Weltsozialforum. Zudem schreibt er regelmäßig für die Wochenzeitung Freitag.

Obwohl von Elmar Altvater als "links" bezeichnet, zählt der US-Soziologe James Petras
die Länder
  • Argentininien
  • Brasilien
  • Chile und Uruguay
zu den neoliberal-regierten Staaten Süd-Amerikas.
Kolumbien, Paraguay, Peru
und die Mehrheit der Regierungen der Staaten Mittel-Amerikas sind weiterhin strikt auf US-Kurs.